DIE VERÄNDERUNG DER ZUKUNFT

Und der Meridian der Gegenwart

Für eine neue Poetik

 

 

 

 

 

Im Gegensatz zur Prosa ist Lyrik möglich, wenn ein letztes Ereignis von gewohnter Welt, das Ende eines Lebens oder einer Kultur, noch nicht abgeschlossen sind; denn die wichtigste Perspektive des Gedichtes sind Zeit aus dem Blickwinkel von Liebe und Tod, wie ein Widerschein des Überstandenen und Überstehens- Bote aus einer uns erwartende Zukunftswelt! ("Sei allem Tode voran"!) Hegels Eule der Minerva gilt für sie nicht. Der Augenschein ist das Gewesene, Vergangene, Unerhebliche.

 

Lyrik allein geht mit dem Kommenden, dem Tod wie mit einem Gleichen um. Sie bringt die Illusion der "festen Welt" mit Hilfe der Metapher, des Sprach-Spiels, der Interlinearversion, der Traumdiktate, des geöffneten Gedächtnisses zum Verwesen, hebt die Illusion der Zeit auf.

 

Der Tod als Tor, das Aufblitzen im Augenblick der Öffnung ist wichtig, und damit die Metapoesie. Die Organisation eines Gedichtbandes braucht heute einen Standort jenseits der Zeit, muß aus dem Zeitfluß herausgehoben sein, um ihn und sich selbst erkennen zu können.

 

Hirnsyntax nenne ich den Entstehungsort einer neuen Sprache: wie auch sonst jetzt im Späten der völlig immateriell gewordenen Umgebung, wo die Formel besser trifft, als das Wort oder die Metapher. Sie einzuholen ist nur mit einem Wechsler möglich, der kosmische Information sichselbstwissend zum Einfall umwandeln kann. Dieser Wechsler ist das zugelassene kontrollierte und mediale (also apriorische) Diktat, wie bei Erfindungen auch.

 

Entscheidend ist ein seltsames Geschenk, das uns unsere Warte- oder Wende-Zeit gibt. Es ist ein kollektiver Sterbeprozeß- paradoxerweise aber ein Sterbeprozeß voller Hoffnungen. Zeit für Lyrik also, wie die Zeit der Romantik nach 178.

 

Schmerzhaft genau registriert die lyrische Empfindung, das Selbst, der Andere im Schreibenden die neue Stimmung. Er weiß nicht, ob er tot ist oder lebt. Und erkennt mit dem andern Blick, wie ein Wiedergänger, was jenseits der ontologischen Zensur (an dieser Grenze steht die Seelenpolizei Psychiatrie und der Rufmord) für Zeichen aus dem verbotenen Land eines neuen, längst fälligen Paradigmas und Weltbildes, zu uns kommen! Keiner sieht diesen Grenzgänger; jene furchtbare Erfahrung aus der Kindheit taucht wieder auf, die Angst nicht mehr gesehen zu werden, ja, vielleicht schon tot und ein Gespenst zu sein.

 

Möglicherweise halluziniert dieses Selbst in uns in einem "historischen" Koma das, was ein Gedicht heute möglich macht: und dieses soll wie im Traum, wie im Leben in der Schwebe bleiben; niemand kann entscheiden, was "wirklich" ist.

 

Jene Erfahrung, von der Thanatologie als gesichert angenommen, daß eine Panoramaschau, eine Art Gericht über das eigene Leben im Todesprozeß einsetzt, wird heute für einen tiefere Sensibilität allgemein.

Für den Schreiber dieser Zeilen wird dieses Gericht (mit Materialien aus dem eignen Erleben und dem von Freunden) in einer dynamischen Handlung und wie in einem unbewußten Diktat als Text sichtbar und im Zwischenraum der Metaphern erkennbar.

 

Mit dem Wissen vom Ende erkauft sich der Schreibende also erst seine Existenz. Dabei ist schon das Lebensopfer des Schreibens ein kleiner Tod. Träger der Absenz des Lebens ist das Zeichen. Der Ernst der Situation macht jenen, der dies einsetzt, erst glaubwürdig.

Eine Übersetzung unserer eigenen Absenz im historisch Späten, das Gefühl, daß wir Abwesende und Posthume sind, ist heute das Grundgefühl des Gedichts. Es löst sich erst als Prozeß in der Zeit. Rückgriff und Bewußtsein der Schuld. Ein Prozeß, der schon 1950 mit Becketts "Molloy" in der Literatur begann.

 

Das Jenseits der Zeit jeden Textes und Fragmentes aus der anderen Zone von Möglichkeiten jenseits des Todes ist fruchtbar: Spiegel des Un-Wirklichen, das wir heute ertragen müssen. Und solch eine Fiction ist wirklicher als der Schein, der Leben heißt.

 

Schon Rousseau hat in seinen "Les Confessions" vom hypothetischen Standpunkt des eignen Todes aus erzählt. Und im Hinblick auf das Jüngste Gericht. Und bei Hegel heißt es "Gott ist der Tod"!

 

Im heute so allgemein erlebbaren Koma also tritt jene Panoramaschau ein, wo das ganze Leben noch einmal wie ein Gerichtstag im Sterbeprozess vorbeizieht; und das alles in einer zeitlosen Geschwindigkeit; eine Sekunde sind tausend Jahre.

 

Ein Zeitparadoxon öffnet sich: wie kann nämlich ein abeschlossenes Leben, das in einer Panoramaschau zum Urteil und Gerichtstag über sich selbst führt, erfaßt, eine Zeitperspektive mit überraschenden Momenten haben. Jedes JETZT erhält dabei eine unendliche Perspektive, alles öffnet sich bis ins Unheimliche. Denn es ist nicht so, daß das lyrische Ich nun nichts mehr erlebt, er erlebt nur ganz anders: Zukunft der Vergangenheit im Prozeß. Also das Bewußtsein schon einmal gelebt zu haben, und sich hier, auch im Gedicht schon einmal selbst begegnet zu sein!

 

Eine höhere Stufe, die die Übersicht möglich macht: Die In-Eins-Bindung und Überschneidung von vielen Lebensperspektiven, bis ins Grenzenlose, besorgt das riesige Gedächtnis der Sprache mit ihren apperzeptiven und apriorischen Formen.

 

Auch gibt es einen erlaubten Trick, nämlich die Unsterblichkeit der Personalpronomina der Sprache, die das Bewußtsein tragen, sich weiter erinnern zu lassen, als die Grenze einer individuellen Lebenszeit oder die unseres historischen Bewußtseins- Horizontes es eigentlich erlauben. Dieser Horizont ist, wie wir gesehen haben, an seine Grenze gekommen, die übersprungen werden muß, um jene Partitur, die heute schon bruchstückhaft "eingegeben" wird, in reiner ekstatischer Inspiration, richtig zu spielen. So wird die Offenheit der Zukunft in die geschlossene, scheinbar abgeschlossene Vergangenheit eingeführt, mit dem bitteren Fazit und Urteil: daß wir uns selbst dieses Leben geraubt, weil wir es uns haben rauben lassen. ("Doch weine nicht, wir kommen alle wieder" - zumindest im Gedicht!)

 

Einzig jene Momente des Traumes, oder das andauernde Bewußtsein auch im Alltag, da und zugleich nicht da zu sein, abwesend, und doch da, wie im Zeitstillstand bei Todeserlebnissen, in der Revolution, und jetzt eben bei diesem "Unfall" einer immer intensiveren Auflösung der "festen Welt", wie ein vorgezogenes Sterben, das jeder einzelne mitmacht, ist wie die letzte Chance beim eigenen wirklichen Tod, die auch dieses Bewußtsein des posthistorischen Gedichtes ermöglicht, die tiefste Erfahrung, erst am Anfang zu sein, also auch in der eignen Vergangenheit das prickelnd Offne zu finden, und nicht nur in dem was kommen wird.

 

Geahnt hat es das neue lyrische Ich mit Glücksgefühlen: daß es die Trennwände zwischen den Zeiten nicht gibt, daß der Tod also ein neuer Anfang sein muß.

 

Das Grundgefühl im Alter dieser Welt läßt sich so beschreiben: daß alles noch da ist und doch schon längst vergangen, auch das Ich, das Bewußtsein des Augenblicks.

 

Doch durch welche Zeit des Verbums läßt sich dieses Bewußtsein, das möglicherweise neu ist, neuer als die Sprachmöglichkeiten, ausdrücken? Das traditionelle Verb und Substantiv, die bisherigen Metaphern tragen nicht mehr, denn sie hängen mit dem Vor- Schein bisheriger Welt zusammen, die es nicht mehr gibt, die vergangen ist, die immer noch in uns nachweht, wie ein Phantom der Gewohnheit und uns trügt.

 

Vielleicht ist dieser quälende Todes-Zustand sogar ein Augenblick der Wahrheit wider die Sprache! Und der Zwiespalt, daß alles noch da ist und schon längst vergangen, ein Aufbrechen unserer Logik, an der auch die Sprache hängt! Was wir sehen, das äußere Augenbild macht alles so alt und zwiespältig, denn das Andere der "Partitur" ist auch in uns, sehr jung und so, als gäbe es noch sehr viel an Möglichkeiten: Nichts ist vergangen, es lebt durch uns, ein Ich trägt das andere, wir leben auch die Toten weiter.

 

Noch da ist nämlich auch alles andere Längstvergangene, jenseits der individuellen Lebenszeit und des Augenbildes. Der Trick ist das Déja-vu und das Unbewußte, wo mehr an Erfahrung gespeichert ist, auch via Sprache, als wir wissen können.

 

Scheinhafte Identität unseres Ich wird so durchbrochen in sukzessive Zustände aufgelöst, die nicht im Vorurteilsraster unseres Zeit-Raum-Kausalität-Denkens versacken. Der Autor, das Ich oder die "Iche" werden so aufgelöst, abgeschafft. Die Subjekte werden Opfer übergreifender Konstellationen neuer Sinneinheiten der Berührung, die die Wort- Höfe und "wirklichen" Augenblicke bieten. Das Opfer erweist sich als Geschenk und als Schlüssel für den Lebensverlust in diesem Gericht.

 

Und ich vermute, daß dieser Zustand, wo das wirkliche wie das lyrische Ich nicht weiß, ob es lebt oder tot ist, heute generell als wichtigster ästhetischer Ort angesehen werden muß, als Apriori jedes Gedichtes, aber auch jedes anderen Textes, der gegenwärtig ernst genommen werden kann! Das "EINE" - auch im Spiegel der Sprache - wird nämlich erst im Gedicht als Spiegel des neuen Wandlers anderer Ebenen von Existenz konkret sichtbar; es wird sinnlich faßbar, was nicht schilderbar war und nur intuitiv wirklich ist, und erhält über dies Medium des lyrischen Ichs eine Gestalt.

 

Bei Paul Ricoeur etwa ist die Leistung sogar der Erzählung eine In-Eins-Bildung der momenthaft erlebten Zeithäppchen, "narrative Konzentration der zeitlichen Zerstreuung empirischen Bewußtseins," ähnlich war es schon in Augustins "distentio animi"; das bloße Leben ist "Zerspaltung", Qual, Berührung des Zusammenhangs aber im "Bedeutungserlebnis" ist Glück. Dieses Glück, das so als "Panoramaschau" nur auf dieser Todes-Schwelle erlebt werden kann, wird vom Schreibenden erst wenn er in diese Berührungszone gerät, als Glück empfunden.

Und wenn das Gedicht gelingt, gibt er es an den Leser weiter!

 

Es ist eine Arbeit am "größten Zusammenhang", am Einen also, die In-Eins-Bindung im schöpferischen Prozeß der Spaltungen, Zersplitterungen des Lebens, die als Textgewebe das kosmische Informationsgewebe zu reproduzieren suchen. Zur Methode des Schreibens gehört, das Aufschreiben solcher intensiv erlebter Sequenzen, Szenen, Momentaufnahmen, die wie Röntgenbilder einen Augen-Blick mit "schwachem" oder "starkem" Sinn durchdringen. Erst im Zusammensetzen solcher Sequenzen allerdings ergibt sich ein Muster, eine Annäherung an den großen Zusammenhang. Wahr bleiben nur solche Sekundenbilder, zusammengesetzt wie Fotos im Labor, vergrößert, verkleinert, Momentaufnahmen, Ausschnitte, Vorder- und Hintergründe herauspräpariert und vertauscht in Großaufnahmen. Auch Umkehr der Bilder oder Schnitte von ihnen, sie wieder zusammenzukleben usw. Und dann werden sie auch noch mit dem Gefühl und Formgefühl des lyrischen Ich retouchiert, als wären sie nur Schablonen.

 

Alle diese Momentaufnahmen werden in günstigen Augenblicken zu Gedichten, Gedichtteilen, Versen; bei schwächeren Intensitätsgraden zum Tagebuch, Gedankenbild oder zur Prosa.

Aber: was sind diese Momentaufnahmen, was ist das JETZT der Augen-Blicke? Darum geht es. Dieses Jetzt der Lebensmomente, nun so, ins Unendliche verlängert, ist unheimlich, aus dem Namen gefallen, aber im unausdrückbaren EINEN, im Informationsnetz der Beziehungen aufgehoben.

 

Doch nicht nur das Ich löst sich dabei auf, und Aufgabe wird wie im Strom der Meditation, dem indischen oder tibetischen Dharma, der christlichen Meditation Genuß, sondern die starre Ästhetik und das frustrierende Gesellschaftsdenken, das, was kanonisiert ist, Beute der Sieger, löst sich ebenfalls in Wohlgefallen auf, entfernt sich; wie die Zeit stehenblieb, so soll auch der Verstand, sollen die Sinne stehenbleiben im Unheimlichen, und sei es in furchtbaren Momenten des bewußtgewordenen Abschiedes, des Todes, ein Bewußtsein, das bis zu Furcht und Zittern einer plastischen Szene des eigenen Todes oder des Eingesperrtseins im eigenen Körper werden, aus dem es nur ein Entkommen gibt, der Flucht ins endgültige Ende dieses Lichtes.

 

Aber wie komme ich nun ins Freie, ohne das andere Gedächtnis, das in der Sprache gesammelte aufzugeben, das jenseits des Fleisches Hoffnung gibt?

Auch hier gibt es einen Trick: die Parataxe ( schon Adorno und Benjamin haben sie am Beispiel Hölderlins untersucht; noch schöner ist Emil Steigers Untersuchung der kleistischen Hypotaxe!) - Auflösung der Gedcihte in Gedcihte, in Verse und Verskomplexitäten, auch der Geschichte in Geschichten, Erzählung in Erzählungen, um zum kleinsten Nenner, dem undurchschaubaren Moment, JETZT zu kommen. Querschnitt also dessen, was Struktur der Welt ist?

 

Ist dieses nun eine Art Widerstandshandlung der Verlierer, um zum Tun, was geschieht zu gelangen? Hierarchische Ordnungen, Gewissheiten aufzulösen? Wie das parataktische Schreiben, wie die Nebensätze, die das Haupt und die Regierung der Seite durcheinanderbringen, Randphänomene, die zur Berührung kommen, zur Grenze. Randzonen und Nebensätze, Nebenhandlungen, die gegen die Totalitäre Seele des alten lyrischen Ichs, der traditionellen Figuren und der okzidentalen Sprachlogik arbeiten.

 

Ein Vergleich mit bisherigen "traditionellen" Zeiten ergibt aufschlußreiche Ergebnisse. Schon im Stilunterschied zeigt sich der Zeitunterschied; früher gab es noch Realität und Natur, daher konnte auch sinnlich gelebt und geschrieben werden. Im scharfen Kontrast dazu steht die heutige Umgebungslosigkeit, damit Verlust auch des Sinnlichen und Narrativen.

 

Weiter: heute wird keiner mehr von der "Gegenreformation" physisch hingerichtet, wie Giordano Bruno.

Heute wurden ausnahmslos alle "von Anfang an hingerichtet", das heißt, es ist kein Leben mehr möglich, sondern ein Zwischenreich der Phantome. Heute ist jeder von Anfang an gescheitert, ihm wurden das Erlebnis von Liebe und Tod entzogen. Jeder muß in dieser Umgebungslosigkeit noch drastischer scheitern, ja, diese Unterwelt zeigt erst das ganze Ausmaß der sinnlichen Katastrophe.

 

Es ist zweimal radikaler WIDERSTAND. Heute ist dieser Widerstand passiv, jene Traurigkeit, von der Benjamin sprach, mit den Siegern mitzuheulen, aufzuheben. In Zeiten, wo die Dinge noch klar waren, noch "Wirklichkeit" existierte, endete der Autor eingemauert in einer wirklichen Zelle. Heute aber ist der Widerstand ontologisch, denn die stärkste Macht ist der menschenvernichtende Irrglaube, daß das Sichtbare "alles", der Tod ein endgültiges "materielles" Aus sei. Und das stärkste Tabu, von der Psychiatrie bewacht, der Einsatz für das neue fällige Paradigma, wo die Grenze zwischen Leben und Tod aufgehoben ist, die raumzeitliche materielle Welt sich als Illusion erweist, wird in diesem Gedicht-Buch probehandelnd vorgeführt; die Strafe aber ist der Lebensverlust, das Eingesperrtsein in der selbstrefernziellen Phantasie des Buches, die freilich jene Gemeinschaftshalluzination, in der alle gefangen sind, spiegelt, und gleichzeitig schon ein wenig ins Freie überschreitet.

 

Am meisten hatte mich bei meinem Weltwechsel von Ost nach West schockiert, daß im Westen alles "so ist, wie es ist", ein Baum, nichts als ein Baum, ein Mensch nichts als ein Passant, ein Funktionsträger, eine Trivialität. Was mich immer stark berührt hat: es heißt, Sylvia Plath habe aus diesem Grund Selbstmord begangen. Die Entfremdung ist total, ist ontologisch geworden, so ist auch die Revolution nur als radikale möglich: als ein Durchbrechen durch Zeit und Raum, im Einlösen und Spielen der kommenden Partitur von Überlichtgeschwindigkeiten und mentalen Konzerten.

Das Gedicht verwendet dazu, die in der Sprache und weniger in den traditionellen Vers- und Gedichtformen, gespeicherten Kräfte und apperzeptiven Sonden, um jene Zone schon jetzt probehandelnd zu erreichen.

 

 

Das ALLEGORIE-Problem bei Benjamin und die Geschichte des Lesens zeigen, wie in der ganzen Textgeschichte das Geschiebene niemals nur "für sich stand", sondern nur gedeutet verstanden werden konnte, die Allegorese oft wichtiger war und noch ist, als der Text, der Geheimnis bleibt, sich entzieht; heute müßte dieses mehr denn je angepeilt werden, weil die Wirklichkeit tatsächlich in ihrer Gesamtheit apriorisch geworden ist, und nichts Bisherigens, Bekanntes mehr darüberhinaus übrig bleibt, an dem wir uns orientieren könnten.

 

Allegorie und Allegorese sind Grundlage jeder Textinterpretation. Sie begann schon bei den Vorsokratikern: Nämlich: Weisheit in Rätseln; alles hat einen verborgenen Sinn, der ganz nicht zu enthüllen ist. Und die Dichter sind die Bewahrer esoterischer Geheimnisse.

 

AUSLEGUNG als Text müßte auch heute wieder - wie am Anfang des Denkens, als es noch nichts Festgefahrenes gab - das Gedicht sein, als Allegorese der Allegorese der Allegorese.

 

Das Gedicht zielt in die Mitte: steht innerhalb eines verborgenen Wissens, das nicht aussagbar, nur im Aus des Lebens also aus-form-bar ist: das Eine unaufgelöst schwingt mit: denn es ist alles hierarchisch im Sinnganzen mit allem verbunden, nichts gilt an sich. Eine Aussage über Ereignisse wäre nur möglich, würde man das Ganze kennen, nicht nur den Ausschnitt, ja, auch den aus der Zukunft geworfenen Widerschein, dessen, was jetzt schon im Keim da ist in dem, was durch unsere Dabeisein vorsichgeht. Das Gedicht also als Übung wie das I Ging. Oder ein Maya-Orakel, Augen-Blick als momentaner Querschnitt durch alles, was ist; I Ging also, doch mit dem Wissen von der Unschärferelation.

 

Und bei gutem Nachdenken, käme nur Konsekutives und Möglichkeitsformen als dramatischer Ausdruck dafür wirklich zur Frage, daß es ein tödliches, aber vor allem verwirrendes Geschäft ist, zu leben, solange wir mit Zeit- Grenzen umgehn, jene Einbrüche der Toten und Totengespräche uns un-heimlich, nicht aber heimlich, also vertrauter sind, als unser jetziges Leben, da wir dorthin gehören, heimgeleuchtet aus einem Ort, von dem wir nichts wissen wollen.

 

Und dies ist auch der Sinn von Hypotaxe und Parataxe. Adorno hat es bei Hölderlin zur guten Analye gebracht, Staiger bei Kleist.

 

Ist aber diese not-wendige Revolution, die in der Parataxe ihre Form findet, eine Anekdote, in der, wie bei Kleist, "unwahrscheinliche Wahrhaftigkeit" vorkommen kann? Daß dies sozusagen ein Durchbruch aus der Zukunft sein kann? Falls das Wort Zukunft, wie alle alten Worte, uns nicht in die Irre führt! Denn man denkt dabei an Lineares, noch Ausstehendes, was falsch ist. Nicht aus der noch nicht existierenden Zukunft, sondern aus dem ganz Realen, aus dem, was schon sehr lebendig.lebendiger als wir, da ist, noch unerkannt, ja verhindert durch das dünne Blatt des vergifteten Bewußtseins, eine Mauer also, kommen die Zeichen aus anderen Ebenen der Welt zu uns, wenn wir offen für sei sind!

Schon in der Bergpredigt steht der Satz "Ändert euer ganzes Bewußtsein, denn das Reich des Himmels ist DA!" Und dieser entscheidende Satz ist von Luther aus dem Griechischen falsch übersetzt worden: nicht, ändert euer ganzes Bewußtsein, denn das Reich des Himmels ist da, sondern "Tuet Buße, denn das Himmelreich ist nahe herangekommen".

 

Das, was Vorbild für Moderne und Nachmoderne ist: die Reihung, der parataktische Stil etwa bei Hölderlin, wie in Benjamin und Adorno zeigen, daß der Geist dabei passiv, in die "Mitte des Lebens" versetzt, kennt durchaus nicht nur das Warten, Regsamkeit und Fügsamkeit, wo für manche nur Resignation übrigbleibt, und sogar darauf verzichtet wird, so, aus lauter Enttäuschung an Ideen und Utopien, Stellung zu nehmen!

 

Diese Einsicht in die Unveränderbarkeit des Wirklichen geht nämlich Hand in Hand mit dem Akt des Durchauens, das falsche Reale wird eher in Klammer gesetzt (epoché) oder als Wand über-schritten,und es wird nicht nur bescheiden ein "tut, was geschieht", in Aussicht genommen, sozusagen als Geschlagener, der als Nichts nun meint zu entkommen, oder daß hier dieses "Nichts" gerade der Übergang sei, die Begegnung, der Unort, wo aus Fügsamkeit doch Fügung wird! Nein, es ist eher ein Aufbäumen mit mehr Mut und Einsicht! Aus innerer Stärke, die jedem zuwächst, der sich auch den anderen Ordnungen zugehörig fühlt!

 

Und aus der Parataxe, wo sich die musikhafte Reihung als Sprache, deren Elemente anders verknüpft sind als im Urteil, das sich als falsch erwiesen hat, erwächst der große Zusammenhang, es scheint etwas anderes auf, und ein Einbruch geschieht. Bisher war das in der Phantasie, also auch in vielen Texten; nun aber zeigt sich der eigene Inhalt der Literatur als etwas Reales, in der Wirklichkeit, so 1989, aber schon 1789 die stillstehenden Uhren in der Französischen Revolution!

 

Daß sich jetzt Parataxe und Hypotaxe verbinden, ist besonders wichtig! Daß aus dem Zwar ein Aber wird, nämlich im Hinblick auf das Erscheinen, einer Art Fiat des Kommenden, das ja immer das Realere ist, alles andere nur gewesen ist, auch dieser Augenblick in dem ich dies schreibe, schon vergangen ist, das Jetzt also zum Querschnitt, zum Schnitt wird, den nur ein einziger Satz, in dem alle Zusammenhänge eingehn würden, spiegeln könnte, was freilich unmöglich ist! Daß aber in jedem im Detail jenes Ungewußte des größten Zusammenhanges aufblitzt, das Gericht sozusagen, so nicht nur in einem Aber nach dem anderen, jedes ein Chock, eine erregende Freiheit über das Zwar der Sinnenwelt triumphiert, sondern das dieses, wie einmal gesagt wurde, erst im Hinblick auf Künftiges Sinn erhält. ( STAIGER)

 

Die Erzählung geht in solch einem Augenblick vom Präteritum ins Präsens über, alle unselbständigen Teile müßten dann zum unerkannten, zum aus dem Nicht-Wissen neu aufleuchtenden Ganzen zusammengezogen werden. Es ist schwierig, glaub ich, aber meine Intuition sagt mir, daß dies "wahr" sei.

Wie aber wird dieser Tensor, diese erhöhte Spannung der Zusammenführung im Gedicht, die ja das eigentliche Medium dafür ist, möglich?

 

Was nun die Reihung, die Parataxe, auch bei Hölderlin etwa zum Ernst zwingt, aus dem "Geist" herausspringen läßt, ist sein Real Gewordenes daran, sein Jetzt, Hier, an diesem Ort, wo wir stehn. So sein wunderbares Gedicht vom "Einzigen", das die Ereignisse von heute interpretiert, also erst jetzt aus der Parataxe zur Hypotaxe geworden ist, als hätte sich ihm die gesamte Historie seit damals hinzugefügt und es wahr gemacht! Als wäre es über die Revolution geschrieben worden:

 

"Es entbrennet aber sein Zorn; daß nämlich

Das Zeichen die Erde berührt, allmählich

Aus Augen gekommen, als an einer Leiter.

Diesmal..."

Dies "Diesmal", das isoliert steht, die Reihung unterbricht:

"Eigenwillig sonst, unmäßig

Grenzenlos, daß der Menschen Hand

Anficht das Lebende..."

 

Alles ist so wie es ist!

 

 

Pastior hat recht, Gedichtformen wie das Palindrom sind genau so ein geistiges Konzentrat, fas Hirnsyntax wiederspiegelt, wie in der Neuen Physik "Tunneleffekt", Heisenbergsche Unschärfe. Die Sprache ist genau auch ein "sprachliches Elementarteilchen", aber eben mit Überlichtgeschwindigkeit. Und auch der alte Begriff "locus amoenius" hat auch "jenseits seiner Barriere eine gewissen Aufenthaltswahrscheinlichkeit": Nie an einem bestimmten Ort, zeit-verschoben an einem zugleich.

 

 

 

 

 © Dieter Schlesak 1998

 

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