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DER PHILOSOPH, DIE DIKTATUR UND DIE REVOLUTION

CONSTANTIN NOICA - RUMÄNISCHER DENKER,

ERZIEHER UND BEISPIEL IN FINSTERER ZEIT

Eine Sendung von Dieter Schlesak

 

 

Hier der INHALT:

 

1. Constantin Noica, Freund und Generationskollege von Eugène Ionesco, Mircea Eliade und Emile Cioran

 

2. Der ferne Freund Cioran und der Streit um die Mutter-Sprache

3. Besuch in Páltinis

 

4. Sein Werk läßt an elementare und intensive Empfindung des Ursprungs denken: an den "genius loci",

 

5. Neue" ist nur für uns neu, da es immer schon da war, es zu Erkennnen aber ist ein Schock der Wahrheit. Der Grundbegriff "întru"

6. Mathesis universalis

7. Werden zum Werden und Werden zum Sein

8. Von der Wahrheit des Herzens, die die Form ist.

 

9. Du siehst die Dinge an, doch du siehst sie nur, wenn du sie vergißt!  

 

10. Sich befreunden mit der Welt und sie hilft dir weiter  

 

11. Antiokzidentale Haltung

 

12. Diese "kleine rumänische Sprache" soll also tiefsinniger als die großen westeuropäischen Sprachen sein?

 

13. Sprache ein gefährliches Tier. Zensur und Gefängnis 

14. Die Zelle 34 

15. Páltinis und der Freundeskreis

 

16. Die Schüler in und nach 89

 

17. Noicas Denken, das das totalitäre Zeitalter wiederspiegelt?

18. De dignitate Europae

 

 

 

 

SPRECHER:

Autor

Noica

Cioran

Sprecher

Zitator

 

 

AUTOR: Noicas Bedeutung liegt nicht zuletzt in einer profunden Zivilisationskritik der Gegenwart, der sein ganzes Werk zustrebt: Die Zahl und die damit verbundenen "Formalismen" , sowie die "Konjunktionen" ("und" , "oder", eine Art additives Prinzip, bis hin zur Null-Eins-Zählung des binären Rechnens, auf dem der Computer beruht), sind für Noica das Charakteristikum unserer späten Epoche, einer brutalen Nivellierung, wie er in einem seiner letzten Werke "De

 

NOICA: ...einer der brutalsten Instinkte, brutaler vielleicht als jener, andere Menschen zu versklaven: die Tendenz zur Uniformisierung - wobei Masse, Militär und Bürokratie dabei anklingt, Realität nichts als Statistik, Menschen nichts als Zahl, bis hin zum Vernichtungsprinzip der Todesmaschinen...

 

AUTOR: Kaum jemand im Westen kennt den Namen dieses bedeutendsten rumänischen Philosophen der Nachkriegszeit. Dabei war Constantin Noica eine Art geistiger Katalysator ostwestlicher Verhältnisse. Und schließlich auch ihrer Auflösung durch 1989. Gabriel Liiceanu, sein zweiter Meisterschüler, Heidegger-Übersetzer, Kulturphilosph und Verleger, schreibt zu dieser Tragik seines Lehrers:

 

ZITATOR: Constantin Noica, Freund und Generationskollege von Eugène Ionesco, Mircea Eliade und Emile Cioran, hatte sich im Gegensatz zu seinen Freunden entschieden, nach dem Krieg im Lande zu bleiben. Hätte er sich in Frankreich niedergelassen, wäre es genau wie bei den drei anderen nicht nötig gewesen, ihn vorzustellen. Als das Nachkriegsdrama Rumäniens begann, war er 40 Jahre alt.

 

AUTOR: Noica ging vom Grund, von seiner Mutter-Sprache aus. Und sein Denken orientierte sich am Geist der rumänischen Sprache. Muttersprache für jeden als etwas Einzigartiges, und er sah sie in diesen finsteren Zeiten vom Untergang bedroht. Er blieb ihr treu und wollte sie, und alles, was in ihr wie in einem kostbaren Schrein aufgehoben ist, ihre Kultur, ihr Gedächtnis bewahren und retten.

 

SPRECHER: Auch E.M. Cioran, der Jugendfreund Noicas, der sich in Paris als blendender französischer Essayist, in einer Fremdsprache also, einen Namen gemacht hatte, empfand weiter Liebe und Hochachtung für seine rumänische Muttersprache, für ihre natürliche Tiefe.

 

AUTOR: Innerlichkeit, Umgang mit den Tiefen des Denkens war im Osten ein Politikum sondergleichen, war Widerstand. Und die Diskussion zwischen Noica und Cioran über ihre Muttersprache spiegelt diese Gefahren. Oft ist die Doppelbödigkeit bei Noica ein Produkt dieser Gefahrensituation. Ciorans Doppelbödigkeit kommt dagegen aus einem inneren Streit in der Seele des Emigranten: Cioran hatte sich vom Land seiner Herkunft und seiner Sprache kurz nach dem Krieg verabschiedet, doch lebte er schon seit 1937 als Emigrant in Paris. Er schrieb niemals mehr in seiner Muttersprache, auch Briefe nur noch selten. Als habe er so sein Leben abgelegt. Mit Noica korrespondierte er französisch ...

 

SPRECHER: ... und der berühmt gewordene Briefwechsel von 1957, der zu Noicas Haft im roten Terror-Staat geführt hatte, ist eine der wichtigsten Analysen, die es zu den beiden Systemen gibt. Cioran hatte allerdings aus Sorge um den Freund nur seinen Brief, zuerst in der "Nouvelle Revue Francaise", dann in seinem wichtigen Werk "Geschichte und Utopie" veröffentlicht. Vollständig ist dieser Dialog erst 1991 im Verlag Critérion Paris/Bukarest erschienen. In seinem Brief "nach Hause" an den "fernen Freund" schrieb Cioran, der im äußeren Exil lebte, an Noica, der das innere Exil gewählt hatte:

 

CIORAN: Du schreibst mir aus dem Lande, das einmal unser war und nun keinem mehr gehört.

 

AUTOR: Und in Noicas Antwortbrief steht der verzweifelte Satz:

 

NOICA: ... in diesen letzten zwanzig Jahren, in denen Du Dich entschieden hast, nicht mehr in Deiner Sprache zu schreiben, ist sie der Agonie anheimgefallen. Und wir Völker wissen nun, daß wir sterblich sind.

 

AUTOR: Die rote Diktatur war wie eine Schlammwalze über das Land und seine Kultur hinweggegangen. Noica hatte den "fernen Freund" aus dem Pariser Exil, aufgefordert, die Fremdsprache Französisch aufzugeben, rumänisch zu schreiben, und so zur Rettung seiner Muttersprache beizutragen; der Emigrant aber schrieb zurück:

 

CIORAN: Auch wenn die Begeisterung für unsere Sprache bei mir andauernd zunimmt, bis zu dem Punkt, daß ich sie für eine der ausdrucksstärksten halte, die es je gegeben hat, so bremse ich mich und bleibe im Gegensatz dazu, was unseren Volksstamm betrifft, äußerst skeptisch.

 

SPRECHER: Noicas Grund und Grund zu bleiben war diese Aura, dieser Geist seiner Mutter-Sprache und die in ihr sublimierten geistigen Aromen dieser Kultur: das Gedächtnis dieses Landes. Und er wurde auch reich belohnt dafür: Ihr Tiefsinn blieb immer mit ihm, und niemand konnte sie ihm nehmen, auch die Diktatur nicht. Zentrum seines Denkens ist sie, ist etwa das alte (unübersetzbare) Wort "întru". Întru (üntru) so deutete er: enthalte schon eine Art "Feld", den Zwischen-Raum in dem sich Denken entfalte, sich selbst ent-decke: daß wir in-mitten, innerhalb der geistigen Welt stehen, und uns in dieser Zugehörigkeit wehren können.

 

NOICA: Întru ... Wäre es nicht nur eine Präposition, könnte man sagen, es ist ein philosophisches System.

 

SPRECHER: Bei Noica gibt es dazu eine Analyse von "întru", sie steht in seinem Buch "Ein Wort über das rumänische Sprechen, Wort, Rede, Sinn", im Gegensatz zum deutschen Wort "Rede", das seinen Ursprung nicht mehr erkennen läßt, abstrakt ist, erinnert das rumänische "rostire" noch an "Mund": rostrum, Schnauze, Schnabel.

 

AUTOR: Noica behauptet (wohl zu recht), daß dieses aus dem Lateinischen erhaltene "rostire" heute die einzige Übersetzung von Logos sein könnte. Es heißt auch noch Plan, geheimer Lebensplan, Sinn, Zweck, Ziel (ja, das Tao der chinesischen Philosophie). Aber auch Auswendiglernen und sogar Etwas-anschaffen. "Rostire" - aus-sprechen, gibt also der Welt noch einen Sinn.

Einen Sinn, den die Diktatur mit ihrer Ideologie und ekelhaften Parteichinesisch auch dieser Sprache im Begriff war zu nehmen.

 

AUTOR: Im Juni 97 besuchte ich in Siebenbürgen Emile Ciorans Geburtsort Rásinari (Röschinar), fuhr dann weiter zur Hohen Rinne/ Páltinis (Pöltinisch): Páltinis ist ein durch Constantin Noicas Philosphen-Refugium berühmt gewordener Ort in den Südkarpaten. Noica ist seit zehn Jahren tot. Sein Grab steht neben einem kleinen Kloster auf einer Lichtung, umgeben von Buchen und hohen dunklen Tannen. Mit einem Freund stand ich auf dieser Lichtung; aus der offenen Tür der Klosterkapelle war der monotone orthodoxe Singsang eines Mönchs und einer Nonne zu hören. Aus dem Wald dazu Vogelgezwitscher, Wasserrauschen in dieser harzig-würzigen Luft, rein wie kritallklares Quellwasser; und ich konnte den aus der Kindheit vertrauten Geruch der gebirgigen Walderde und des Rauches von Holzfeuer wahrnehmen, es war wie ein Erinnerungsschock, denn nirgends sonst gibt es den mineralisch-harzig-modrigen Geruch dieser Tannen-Aura der Karpaten. Eine Wand schien zu fallen, und ein Moment wahrer Empfindung von Wirklichkeit war da - wie ein wiedergefundenes Glück.

 

SPRECHER: Dazu gehört der klare Winter- und Schneeduft, wie Andrei Plesu (Pleschu), Noicas Meisterschüler und heute Außenminister des Landes, in seinem Tagebuch festhält: Winter und das Späte, Posthume:

 

ZITATOR: ...Winter, unter einer kalten, aber freundlichen Sonne... das ganze Ritual, an das ich mich erinnere, ist ein winterliches, mit dicken Mänteln, Winterschuhen, heißer Zuika, Holzfeuer... Tees und Spaziergängen durch den Frost: schattiger Frost des Weges zum Kloster ... Und im Winter haben wir Herrn Noica dort neben dem Kloster begraben, nachdem er ebenfalls winters im Zimmer hingefallen war, er, der es schaffte niemals zu fallen, auch im vereisten Gelände im Wald nicht, indem er mit einer linkischen Grazie mit weit ausgebreitetn Armen balancierte, als ginge er auf einem Seil ...

 

AUTOR: Noicas Leben war ein Balancieren auf einem hohen Drahtseil. Auch die letzten zwölf Jahre seines Lebens. Seit 1949 war er bewacht, verhört worden, hatte er jahrelangen Zwangsaufenthalt in der kleinen Stadt Câmpulung (Cümpulung), dann mußte er fünf Jahre politische Haft in den Kellern der rumänischen Gefängnisse verbringen. Sein Leben hoch oben auf dem Seil. Sein Denken aber von profunder Sicherheit, eben aus jenen unverlierbaren Quellen: seelische Ereignisse unter immensem Druck.

 

SPRECHER: Sein Werk läßt an elementare und intensive Empfindung des Ursprungs denken: an den "genius loci", wie oben in Paltinis, an Tannenduft und Bodengeruch, an Klöster und Märchen, an uralte Volksweisheit. Doch all dieses verbunden mit dem Geist der griechischen und deutschen Philosophie, denn hinter der unmittelbaren Wahrnehmung steckt etwas anderes, und das zu erkennen ist nur möglich, wenn man ganz offen ist, den verborgenen Reichtum der Welt mitzuerleben. Es ging daher Noica immer um um den "offenen Begriff", um erlebtes Denken, und dieses erlebte Denken ist nur möglich, wenn die Wände des Beschränkenden und Vorgefaßten, die uns vergiften, aufgehoben werden, die Intuition und Empfindung ins unerkannte Offene, also in das für uns Neue gehen kann.

 

SPRECHER: Aber dieses "Neue" ist nur für uns neu, da es immer schon da war, es zu Erkennnen aber ist ein Schock der Wahrheit. Das läßt an Nietzsche, ("Werde, was du bist"), aber auch an die berühmte Bibelstelle aus der Bergpredigt denken:

 

ZITATOR: Ändert euer ganzes Bewußtsein, denn das Reich des Himmels ist DA...

 

SPRECHER: Und auch Noicas philosophischer Grundbegriff, abgeleitet vom lateinischen "intro" (drinnen, innen-sein) - das in der romanischen Sprache Rumänisch eine besondere Entwicklung genommen hatte, und "întru" hieß, wohl nicht weit entfernt von Rainer Maria Rilkes "Weltinnenraum", hat mit jenem sich-selbst-ändernden Insein zu tun. Weil es ein immer neuer Zustand des Ich ist, daher ist "întru" nicht festlegbar und nicht übersetzbar:

 

NOICA: Eine Suche innerhalb dessen, was schon vorher gefunden worden war.

 

AUTOR: So Noica. Und stolz behauptet er:

 

NOICA: Întru ist ein Ausdruck, der nicht nur Hegel gefehlt hat, er hat auch dem unruhigen Pascal gefehlt: jenes, du würdest mich nicht suchen, hättest du mich nicht schon gefunden, könnte mit ihm gut ausgedrückt werden.

 

AUTOR: Doch typisch östlich - erkennt es auch die okzidentale Guckkastenmetaphysik der künstlichen Trennung zwischen Mensch und Natur (zur besseren Beherrschung der Außen-Welt) als Täuschung, denn alles ist mit allem verbunden, läßt sich nicht trennen.

 

SPRECHER: Es gibt in Noicas Philosophie Beispiele dafür. Und eines der schönsten ist "fire", das Wesen eines Menschen, seine Natur, sein Gemüt, seine Seele. Der Rumäne würde jedoch niemals von der "Natur" ("natura") eines Menschen sprechen. Die "Natur" ist außen, sie kann beherrscht, ausgebeutet, vernichtet werden, so Noica, das Wesen, auch das Wesen der Natur jedoch ist nie in den Griff, also auch niemals in den Begriff zu bekommen.

 

AUTOR: In seiner "Selbstdarstellung" (vom April/Juni 1985) betont Noica sein Bemühen um diese Ent-Wicklung wie aus einem Filmnegativ des Noch.-Unerkannten, der Berührung mit den unerkannten großen Zusammenhängen eines Reichtums der Welt: Mathesis universalis nannte er es; (seinen erstes Werk, das 1934 erschien, trug diesen Titel) - und sein vorletztes, seine "Logik des Hermes" (1986), kam erneut darauf zurück. Zusammengefaßt ist dieser Große Zusammenhang in der platonischen Idee des EINEN.

 

NOICA: Als ich zu meiner Algebra kam, da setzte ich zuerst die Eins. Ich glaube nicht an meine Algebra, und sage auch nicht, daß sie wahr sei. Doch wenn sie irgendeinen Sinn hat, dann diesen, daß die Eins, der einzige Nenner von Sinn ist. Genau so setze ich auch Gott... Ich glaube auch nicht an die Welt, und ich sage über sie nicht, daß sie wahr sei. Doch wenn ich sie manchmal denke, kann ich sie nicht anders denken als so: mit Gott, dort, an ihrem Anfang, mit Gott hier, in ihren Verwandlungen und Verstellungen.

 

AUTOR: Besessen von dieser "Idee" schuf Noica seine Hierarchien, und wurde dafür, oft voller Haß angegriffen, vor allem von Literaten, Kritikern und Künstlern, die er so hinter sich ließ. Das Aktuelle, das nur Sichtbare und Wahrnehmbare oder nur Subjektive an sich, verlor ohne diesen Zugang (und die starke Motivation, den Antrieb der eigenen Substanz) damit seinen Wert.

 

SPRECHER: Daher wirkte der rumänische Philosoph zum Beispiel auf den "rumänischen Solschenizyn" Paul Goma wie einer, der in furchtbarer Zeit in die Kultur floh, schicksalslos war und sich als Persönlichkeit vor der Tragik des Lebens drückte. Was sicher nicht stimmt, wenn man seine schrecklichen und langen Gefängnisjahre bedenkt, die er allerdings genau mit Hilfe dieser Überzeugungen gut, ja "glücklich" überstand.

AUTOR: Noicas Ganzheitsphilosophie (universitas: ethymologisch aus "unus" und "vertor" zusammengesetzt, Kehre oder Umkehr zum Einen) zielt darauf. Glück ist die Kraft der Annäherung ans das Eine mit dem Blitz des Verstehens, ist Teilnahme daran. (Wie in der geistigen Berührung, dem Naturerleben, der Liebe). Es erscheint als etwas erfrischend Neues: eine Art Epiphania des Werdens auf dem Weg zum "Einen" (sein Gott) zu sein, das innerhalb der Zeit-Sukzession und des Vielen auftaucht. Noicas Lieblingsbegriff, das rumänische "întru" zielt darauf: Man könnte es am ehesten mit einer Art Erleuchtung, ein großes Ahaerlebnis, Umkehr der Perspektive im Wiedererkennen vergleichen.

 

SPRECHER: Noica hatte dieses "Neue", vor allem in seiner dreibändigen Schrift "Das Werden zum Sein" (1950) dargestellt. Er unterschied darin "zwischen einem Werden zum Werden (wie etwa bei der organischen Reproduktion, aber auch der Hure der Historie) und einem "Werden zum Sein," (zum Einen). Werden zum Werden, Nützlichkeitsdenken der materiellen Fortschrittsidee sei:

 

NOICA: Selbstwiederholung, (Werden zum Sein dagegen) Ausdruck der ontologischen Erneuerung und Vollendung.

 

SPRECHER: Dieses "Werden zum Sein" ist das Zentrum seiner Philosphie und geht wieder auf Hegel, mehr aber noch auf Kant zurück, das Werden zum Sein als `Vernunft`, der unendliche Progreß in Richtung des Einen, der auch an den Pforten des Todes nicht Halt macht.

AUTOR: Es ist Widerstand gegen das, was verkünstelte Hirnakrobatik, Ideologie und Verfremdung an Elend in die Welt des XX. Jahrhunderts gebracht hatten, bis zu roten und braunen Lagern, der Adept muß sich "einfühlen" können, um mit Gewinn in sein "erlebtes Denken" einzutreten.

 

SPRECHER: Intensität der Empfindung in ihrem Kristall und Gesetz, Annäherung an jenes Eine wird konkret in der Poesie der Dinge als Sprache und Form. Für ihn ist es das am tiefsten Erlebbare, die Mutter-Sprache, jeder mit seiner, denn jede Mutter-Sprache besitze einen "Teil des Himmels". Noica wußte, daß der Verlust dieser eigenen Wurzeln, Erinnerung, Herkunft, Mutter-Sprache,für unser Jahrhundert typisch ist. Jeder kann es in Stunden der Wahrheit empfinden, wenn er sich öffnet.

 

AUTOR: Sanda Stolojan, die rumänische Autorin in Paris, die mit Noica befreundet war, erzählt von einer Noica-Begegnung, die sie nicht vergessen konnte; es war ebenfalls in einer Klosterumgebung in den Karpaten, wo der rumänische Denker fast kindlich begeistert eigene Gedichte vortug, und jenes Sprachloswerden, der Zugang zur Aura dieser Umgebung durch ihn und seine Begeisterung fast mit Händen greifbar nahe schien.

 

ZITATOR: Für Noica ist die Wahrheit nicht unbedingt etwas Exaktes, Festlegbares. Die Wahrheit entspricht einer bestimmten Art zu fühlen, und ist offen der Welt gegenüber, oder "intru" lume (üntru lume) - Mit- und Zwischen- Welt, so sein Sprachgebrauch ... Irgendwo spricht Noica - oder vielleicht hat er es mir damals auch gesagt - von der Wahrheit des Herzens, die die Form sei.

 

AUTOR: Und genau dies ist der Kernpunkt seines Werkes, zumindest des späten. Im Hintergrund seines Denkens steht immer wieder die kantsche "Form" als transzendentale, also aus dem Geist geborene und "intuitiv" als Einfall mit den Dingen erscheinende, wie ich es auch in Páltinis im Rauch des Harzes und Holzfeuers, dem Singsang der orthodoxen Kapelle wahrgenommen hatte; im Gegensatz, wie Noica selbst bekennt... ...

 

NOICA: "... zu den perfekten Formen, jenen, die herabsteigen und versuchen die Realität in einem Netz einzufangen, (denn) Welt will sich eher selbst einfangen in ihren eigensten Formen.

 

AUTOR: Alles was "künstlich", aufgezwungen, unnatürlich, willkürlich in einem falschen "freien Willen" steht, also nicht "gewachsen", letztlich idelogisch ist, stieß Noica ab.

 

SPRECHER: Tiefsinn also gegen die Plattheit der Ideologie. întru (üntru): Dazwischen-Stehen. Die Wahl dieses Schlüsselwortes hat auch historische Gründe und Abgründe! Der intensivste Ausdruck einer Lebensform - zwischen Leben und Tod, Denken und Leben, Zeit und Werden. Dazwischen-Sein, zwischen den Kulturen und Kontinenten, dem Lateinischen und Byzantinischen, dem Osten und dem Westen. Ein Grenz-Denken.

 

AUTOR: Andrei Plesu (Pleschu) hat das "întru ceva" ( üntru tschewa; zwischen etwas, das zugleich drinnen und draußen ist) auch als Spiegel des ewigen rumänischen Schwankens und der Vorläufigkeit und letztlich als Flucht definiert, und den Schluß daraus gezogen, daß Noica als "Spezialist der Suspension", den "Punkt Null" suche, das Zögern, die Verzögerung der Entscheidung, eine "wachsende Kompetenz in den Vorentscheidungsräumen", wie er fast trotzig seinem oft autoritären Lehrmeister entgegenhält, den einige sogar wegen seines kulturerzieherischen Eifers, "den Jesuiten" nannten, und dessen Denken Liiceanu in einem Brief sogar als "kulturellen Totalitarismus" bezeichnet hat, der vielleicht das Schwanken, die Entscheidungsschwäche Noicas kompensiere.

SPRECHER: Was für sein erlebtes Denken nicht stimmt. Sogar die Quantentheorie hat heute entdeckt, daß Widersprüche entstehn, wenn wir nur eindimensional "logisch" oder körperhaft denken. beim INTRU geht es ums FELD, und um das Auflösen einer festgelegten Situation, jede Situation ist wie das Ich auch zu einem anderen Zeitpunkt anders und unbekannt. Auch das, was noch "im Kommen ist", muß in das JETZT einbezogen werden. Und niemand war in der nächsten Sekunde! Jede nächste kann ganz "neu", vielleicht das völlig unbekannte Ende sein. So ist das einzig Gescheite, was man tun kann: sich des Urteilens enthalten, Husserl nannte es EPOCHÉ. Eine aktuellere Erkenntnistheorie nach 89 gibt es nicht!

 

AUTOR: Noica bringt ein wunderbares Sprachbeispiel aus dem Rumänischen: Te uiti la lucruri. Dar le vezi numai, dacá le uiti. (Te uiz la lukrurj, dar le wes, numai dakä le uiz. Du siehst die Dinge an, doch du siehst sie nur, wenn du sie vergißt!) Als könnte ihre Abwesenheit erst zurücksehen! Wunderbar dieser Doppelsinn im Rumänischen: "a uita" heißt sowohl Vergessen als auch Sehen, etwas ansehen. Sehen ist vergessen. Das Auge lügt. Jeder ist mehr, als er im Augenblick sein kann.

 

SPRECHER: Was am meisten bei Noica beeindruckt, ist seine Vitalität und Gelassenheit, da er diesem inneren Gesetz treu blieb und gegen das oft davon losgelöste nur äußere Geschehen andachte; er war immer "in", inmitten, intro: "între"! Nichts war ihm fremd, alles war offen, und er nie "isoliert", so wuchsen ihm Kräfte zu. Schon 1943 hatte Noica darauf hingewiesen, daß das "Befreunden" wichtigstes Denk- und Lebensprinzip sein müsse, sogar das Sich-befreunden mit dem Gegner. Das Komplicenhafte, das Mitmachen, das Nicht-Beiseitestehen als Grundprinzip. Das ist sehr klug gedacht, und entspricht wohl auch dem Gesetz der Welt, wo in der Tiefe des Geschehens die logisch nicht faßbaren Ereignisse und Entsprechungen, die geheimnisvollen sinnbezogenen Zufälle C.G. Jungs: auch Celans "Meridian" und kommunizierenden Röhren" regieren, nicht unser eigensinniger Kopf und Plan. Musil schlägt vor: "Tun, was geschieht" zu bedenken. Bei Hölderlin heißt es "wer das Tiefste gedacht, liebt das Lebendigste": Man darf nicht nur quatschen darüber, sondern muß es leben. Also raus aus der Bude und mit den Gegenständen und der Welt selbst schreiben! "Leben" in-eins! Hier das Gegenteil einer idiotischen Haltung papierener Isolation, also mit der Welt verschworen, mit ihr im Einverständnis zu sein! Dieses Einverständnis, nicht ewige Kritik, brachte Noica das hohe Schaffensalter. Denn dann hat man eben "Glück", wenn alles mithilft. "Im Glück denken die Dinge, denkt die Welt für uns."( Heißt es bei Ernst Jünger). Noica sagte sogar:

 

NOICA: Die Philosophie ist die einzige Orientierung, die dem Menschen den Sinn für eine Freundschaft mit der Welt schärft.

 

AUTOR: Cioran erzählt über Noica folgendes:

 

NOICA: Im Jahr 1931 wurden Noica und ich Freunde, es war während einer Reise nach Genf, und wir waren Delegierte eines Studentenkongresses. Er interessierte sich für alles, sogar für den Frieden, und er wollte die Vertreter sämtlicher Länder kennenlernen... Nicht mauern, das war seine Devise...

 

SPRECHER: Sowohl bei Cioran, als auch bei Noica gibt es aus dieser Haltung heraus deutlich einen östlichen, einen antiokzidentalen Zug wider das rein äußerliche Tun, den Fleiß, die Arbeit, Abneigung, die bis zum Haß reicht ...

AUTOR: Noica verteidigte sein "întru ceva", sein Dazwischensein, als "Dogmatik des Verschiebens", ein In-der-Schwebe-Sein-Können wider die fanatische Eile eines beengenden Engagements. Eine Lebenseile und Hast, die er im Westen zu erkennen meinte.

 

SPRECHER: Doch es ist auch eine Option wider den Totalitarismus östlicher Art, der freilich auch als Bastard westlichen Denkens (Marx!) gesehen wird.

 

AUTOR: Man muß sich in Erinnerung rufen, daß all diese Diskussionen zur Zeit der Ceausescu-Diktatur stattfanden. Für Noica war die verzweifelte Entscheidung, das Blutbad etwa, das Hamlet am Ende des Dramas anrichtet, ein Beispiel für die Gefahr von "Durchbrüchen", des umweglosen Zuschlagens, das gerade bei Zögerern drohe. Jede Ideologie und Praxisorientiertheit sei so ein "Durchbruch".

 

SPRECHER: Mir erscheint seine ganze Philosophie als ein Aufbäumen gegen die abendländischen Illusionen, alles im Griff zu haben, Widerstand gegen die Illusion des absurden "Werdens fürs Werden", das ihm als "Fortschritt", als begrifflicher und technischer Raubbau in den Ohren klingt.

 

AUTOR: Immer wieder aber verteidigt er die Wissenschaft, die mißbraucht werde: "Die Wissenschaft sucht heute nicht blind ...", schrieb Noica:

 

NOICA: ... wir wissen, was wir suchen und wir finden, was wir vorausgesehen haben, bis zu einem gewissen Punkt. Das aber heißt, daß Erkenntnis zwischen etwas ist, so wie Existieren zwischen etwas ist. Alles was in der Existenz und in der Erkenntnis gültig ist, bewegt sich im Zirkel.

 

SPRECHER: Und dafür setzt er sein "întru". Diese "kleine rumänische Sprache" soll also tiefsinniger als die großen westeuropäischen Sprachen sein?

 

AUTOR: Unverbrauchter sicher, noch näher den natürlichen Dingen und seelischen Ereignissen, die durch Begriffe und Instrumente, durch unseren hektischen Lebensstil verschüttet wurden. An einen alten Freund (Victor Vuia) schrieb Emil Cioran im Juni 77:

 

CIORAN: Heidegger ist auf Rumänisch geheimnisvoller als auf Deutsch. Die zivilisierten Sprachen sind abgenutzt und können nichts mehrausdrücken. Die Worte haben zu oft gedient ...

 

AUTOR: Und im Februar 74 heißt es bei Cioran über den Sprachphilosophen Noica, sein rumänischer "Sprachsinn" sei ...

 

CIORAN: ... außerordentlich. Seine Begeisterung für unsere Sprache ist verständlich, denn es ist eine strenge Sprache von einer ungewöhnlichen Ausdruckskraft.

 

AUTOR: Und Cioran hatte, vielleicht indem er Noicas einsame Stellvertreterposition im ehemaligen Zuhause anerkannte, Noica gegenüber immer ein schlechtes Gewissen. Und genau hier versuchte Noica anzuknüpfen; er wollte Ciorans schlechtes Gewissen, seine Herkunft verraten zu haben, wecken, und ihn dazu veranlassen, wieder in seiner Muttersprache zu schreiben. In dem berühmt gewordenen Briefwechsel ("Briefe an einen fernen Freund"), tritt Noica ihm in seiner heftigen Art nahe, zu nahe, indem er von der Agonie des Rumänischen, dieser wunderbaren, aber nun sterbenden Sprache und Kultur im Ceausescu-Staat spricht:

 

NOICA: Kommen Sie und schreiben Sie das Unaussprechliche in den Sand einer Sprache in Agonie.

 

AUTOR: Dabei meinte er eigentlich auch etwas anderes, nämlich, daß man Cioran vor sich selber retten müsse, diesen Autor, der von sich selber getrennt, im sinnkalten Westen in Paris saß. Bodenlos. Daß mit der westlichen Kultur, auch der französischen Sprache und Kultur, etwas nicht stimme, sei klar. Über die Franzosen schrieb Noica, wie ist es möglich:

 

NOICA: ... eine so subtile Sprache zu haben, und damit doch so wenig von dem auszudrücken, was der Mensch heute ist...

 

AUTOR: ... und so völlig verloren und sinnlos "auf eurer verhexten Insel" zu leben:

 

NOICA: Wo bitte ist die Weisheit und wo ist das Herz dieses Europas.

 

SPRECHER: Diese Westaversion hat sich auch auf seine Schüler übertragen, hatte auch negative Folgen ... Doch nicht nur.

 

AUTOR: Wichtig bleibt dieser heute wieder aktuell werdende auch metaphysische Regionalismus von Weltniveau als Antwort auf die Exzesse der modernen alles niederwalzenden und gleichmachenden okzidentalen Zivilisation. Doch Noicas Denken ist zu Hause bei seinen eigenen Gründen geblieben. Als wäre er dafür bestraft worden. Denn dieses ist seine Tragödie: Ein Autor von Weltniveau ist unbekannt geblieben.

SPRECHER: Jetzt erst ist eine Werkausgabe in einem deutschen Verlag geplant. Beginnend mit dem nächsten Jahr ist beim Frankfurter Verlag "Neue Kritik" die Werkausgabe Constantin Noicas vorgesehen.

AUTOR: Noica hat seine Treue und starke Verwurzelung hart bezahlen müssen. Doch nicht nur was seinen Bekanntheitsgrad in anderen Ländern betrifft. Selbst zu Hause hat er deswegen leiden müssen. Seine Arbeiten fielen der roten Zensur zum Opfer, kamen in die Giftschränke. Zwischen 1949 und 1958 wurde er zu 10 Jahren Zwangsaufenthalt in einer kleinen Provinzstadt verurteilt, dann wegen Kontakten zu Cioran und einer philosophischen Arbeit über Hegel, die er zur Veröffentlichung in den Westen geschickt hatte, verhaftet, zu 20 Jahren Kerker verurteilt; fünf saß er in dieser Hölle ab. Doch sie konnte ihn nicht brechen, machte ihn nur noch stärker.

 

CIORAN: Ich glaube erraten zu können, woher diese Vitalität kommt.

 

AUTOR: Schrieb Cioran an den "fernen Freund":

 

CIORAN: Ohne Hölle gibt es keine Illusionen. Ich dagegen, der ich hier einigermaßen ohne Sorgen gelebt habe, fühle mich alt, verbraucht, verfallen... wir bezahlen teuer, daß wir nicht leiden mußten. Wir glauben an nichts mehr.

 

AUTOR: Bestätigt wird diese Auffassung durch rumänische Gefängnistagebücher, die nach 89 erschienen sind, das berühmteste stammt von N. Steinhardt. Das Buch heißt: "Jurnalul fericiri" (Djurnalul feritschiri. Das Tagebuch des Glücks). Und darin stehen unglaubliche Sätze über diese äußerst paradoxe Höllenerfahrung:

 

ZITATOR: Die Zelle 34 ist eine Art dunkler langer Tunnel, der stark an die Szenerie eines Alptraumes erinnert. Ein Kellergewölbe, ein Kanal, ein unterirdischer Darmtrakt, kalt und zutiefst lebensfeindlich ... er wirkt wie das ... Abbild einer entfärbten Hölle. An dieser Stätte von einer geradezu irrealen Unheimlichkeit sollte ich die glücklichsten Tage meines Lebens verbringen... alle überbieten sich an Höflichkeit und alle Welt lernt von frühmorgens bis abends Gedichte ... so verdichtet sich in der Zelle 34 eine unbeschreibliche einzigartige Atmosphäre, wie sie nur im Gefängnis entstehen kann... Es vermischen sich Freude - ... Dichtung und Trotz - mit dem Schmerz ( denn es herrscht eine grimmige Kälte, Essen gibt es nur in lächerlich kleinen Mengen, das Wasser ist weiterhin brackig, jeder Befehl der Wärter wird mit Kinnhaken und Kopfhieben begleitet) ...

AUTOR: Noica war lange Zeit in solch einer Zelle eingesperrt, und er schrieb in seinem ergreifenden Gefängnistagebuch, das er "Betet für Bruder Alexander" nannte, wie in der Zelle mit Passion gelernt wurde:

 

NOICA: Anatomie, Physik, Geschichte, Theologie, vor allem aber Fremdsprachen .... lange Listen der römischen Kaiser oder die Namen ... der wichtigsten Familien der Renaissance.

 

AUTOR: Vielleicht kam bei Noica diese schmerzliche Isolation, diese gesteigerte Empfindlichkeit in der Zellenexistenz, das Zurückgeworfensein auf die letzten Reserven und die Substanz des Einzelnen, seinem asketischen, ja fast masochistischen Einsiedler-Temperament eines Hieronymus in der Höhle entgegen. Gabriel Liiceanu, sein Meisterschüler, schrieb über Noicas Lebenskonzept, daß ihm ...

 

ZITATOR: ... jede Hölle erträglich (wurde) durch das Paradies der Kultur; sogar in Ceausescus Rumänien.

 

AUTOR: Hier die Selbstbeschreibung des 1909 unweit von Bukarest geborenen Constantin Noica:

 

NOICA: Ich habe keine Biographie, ich habe nur Bücher.... ich habe (immer) in freiwilliger Gefangenschaft gelebt, habe jede soziale Erfüllung abgelehnt, und dies ohne Heuchelei, nein, mit Wollust getan... 30 Jahre Randexistenz, ein Leben, das ich mir anfangs gewählt hatte, nachher, nach 1948, war es ein aufgezwungenes Glück, und als Glück habe ich auch die Jahre des Gefängnisses empfunden ... Nachher, seit 1964, zehn Jahre Arbeit am Logik-Zentrum der rumänischen Akademie, dieses war meine Öffnung ins Soziale, mehr habe ich nicht gebraucht. Jede andere Erfüllung, als Bücher, Professor, eine glückliche Ehe, Reisen - war nichts als Selbstvergessen. Die Bücher allein sind Zeugen meiner Gesundheit...

AUTOR: Noica wußte genau, was er unter diesen finsteren Umständen wollte, nämlich jungen Leuten beizubringen, sich dem Terror, der Leere, den sozialen Vergiftungen zu entziehen, Nahrung für die seelische Entwicklung in der Kultur zu suchen. Sein Charakter war merkwürdig egolos; und er war besessen von dieser pädagogischen Aufgabe, er selbst als Person zählte nicht. Und auch das Elend ignorierte er. In seinem Tagebuch schrieb er:

 

NOICA: Ich mag meinen Namen nicht; ich mag meine phlegmatische Natur nicht. Ich wäre gern der verlorene Sohn gewesen, und war tatsächlich nur ein Einsiedler. Doch weil ich mich nicht geliebt habe, bin ich mir selbst entkommen und den Zwängen der Körperlichkeit... Einsiedlern fällt die Askese leicht.

 

AUTOR: Seine Schüler beschreiben ihn, wie er einmal in der kleinen Stadt Cîmpulung (Kümpulung), wo er seinen Zwangsaufenthalt absitzen mußte, in seinem Zimmer vorgefunden wurde: er saß in der Kälte im Mantel da, Galoschen an den Füßen, Pelzmütze auf dem Kopf, und las Augustin; das Wasser in der Waschschüssel war gefroren.

 

ZITATOR: Der "Liebe Gott der Kultur", der einzige, an den er glaubte ... hatte ihn (für Schmerzen) blind und taub gemacht, die Umstände hatten aus ihm nicht einen Menschen, sondern ein Medium gemacht, das das Recht erworben hatte, mit einem anderen Maß gemessen zu werden, als gewöhnliche Sterbliche.

 

AUTOR: So Gabriel Liiceanu. Vielleicht konnte der Philosoph Noica nur als Ichloser und "Biographieloser" den Terror überstehen. Und sogar im Gefängnis war er nichts als Medium, Erzieher, vergaß sich und das Elend, befand sich in einem naiven, ursprünglichen Zustand, vergaß seine Umgebung völlig, schlafwandlerisch glücklich im Gespräch.

 

SPRECHER: In der Zelle war er mit einem jungen Sportler zusammengesperrt. Diesem sagte er, daß sie beide, Noica und der Junge, aber auch ihre Wärter, sogar die Henker, Opfer seien, Opfer einer ZEIT, Zeit ganz groß geschrieben! Daß man auch mit den Wärtern Mitleid haben müsse, die ja andauernd durch den Spion zu sehen haben:

 

NOICA: Ist das vielleicht ein Leben, wie ein Roboter andauernd eine einzige Bewegung machen zu müssen?!

 

AUTOR: Noica war eines Tages wieder einmal von einem Verhör in die Zelle zurückgekehrt, und der Sportler fragte ihn, ob er geschlagen oder gefoltert worden sei; Noica bejahte:

 

NOICA: Ich kannte diese Spezialschläge mit dem rechten Handrücken in den Nacken nicht; mein Kopf wurde hin und hergeworfen unter einem Hagel von Schlägen. Ich hatte das Gefühl, daß mir die Augen aus den Höhlen springen. Wir sind hier in der Zelle und dieses ist sehr schlimm... Es ist sehr schlimm, jedoch ohne jede Bedeutung...

AUTOR: Der Verhörer habe nach einem Buch Ciorans gefragt, dann nach Personen, denen Noica das Buch geliehen habe. In jenem Buch ("Geschichte und Utopie") war Ciorans Brief "An einen fernen Freund", eben an Noica, erschienen. Noica war ein verzweifelt furchtloser Mensch: 1958, trotz Zwangsaufenthalt, war er aus der Provinz nach Bukarest gereist und hatte den Gästen sowohl aus Ciorans Buch, als auch seine eigene "Antwort an einen fernen Freund" vorgelesen; seinen Brief hatte er dann auch noch mit der Bitte um Veröffentlichung an Cioran nach Paris geschickt, doch dieser hielt aus Angst um den Freund den Essay zurück. Im November 58 wurden dann etwa 10 000 Leute verhaftet, darunter auch die "Gruppe Noica", alle, die an diesen Lesungen teilgenommen hatten. Jener Brief Ciorans an Noica, der in "Geschichte und Utopie" abgedruckt worden war, begann so:

 

CIORAN: Du schreibst mir aus einem Land, das einmal unser war und nun keinem mehr gehört.

 

AUTOR: Und so sich an die Ursachen seiner Haft erinnernd, im Zentrum dieser Leere, der Zelle, überlegte Noica, er müsse dem Jungen die Sinnlosigkeit dessen, was hier mit ihnen allen geschehen war, besser erklären.

"Was für ein Gesicht hatte der Kerl, der Sie geschlagen hat", fragte der Junge.

 

NOICA: (...) Ich habe mir vorgenommen, mir ihre Gesichter nicht einzuprägen, damit ich sie auf der Straße nicht wiedererkennen muß, wenn ich eines Tages frei bin. Denn sie zählen nicht. Sie sind gar nicht sie selbst! (...) irgendetwas anderes hinter ihnen verfügt über sie (...) Es sind auch nicht die Russen, es ist etwas ganz anderes, das ausnahmslos alle in Objekte verwandelt...

 

AUTOR: So versuchte Noica, den wir hier als einen Sprecher für viele, ja, als eine Art Vermittler ansehen können, der diesen Zustand verkörpert, versuchte "es" auch dem Jungen zu erklären! "Ah, das System", bemerkte der ahnungslose Mithäftling. Und Noica verneinte:

 

NOICA: Wenn es nur dieses wäre! Es ist viel mehr, nämlich jene unsichtbare Macht, die unsere heutige Zeit bestimmt, DIE ZEIT, groß geschrieben, Zeit, die jeden dazu zwingt, das zu tun, was alle tun!

 

AUTOR: Und dann die erstaunliche Bemerkung, die zeigt, wie sehr Noica hier, am Grunde der Hölle, ganz selbst- und ichlos abwesend war:

 

NOICA: Auch sie sind Opfer, genau wie wir .... Sie sind dafür ausgebildet worden, die verschiedensten Menschentypen auszulöschen, ja, gar den Menschen als moralisches Wesen auszulöschen. Und sie geben sich darüber keine Rechenschaft, daß es unter Menschen ein Gesetz gibt: - wenn du den andern erniedrigst, erniedrigst du dich selbst.

 

AUTOR: Zur Strafe mit dem Gesicht zur Wand, tagelang bis zum Umfallen stehend, oder in einer Dunkelzelle bei Wasser und Brot, wo die Häftlinge auf dem nackten, kalten Zement schlafen mußten, hielt Noica weiter seine Vorträge: das Unnatürliche, der Schein beherrsche die Welt: Im Westen sei es der Geld-Schein. Im Osten aber die Ideologie und die Zensur:

 

NOICA: Das, was uns hier im Gefängnis geschieht, geschieht auch in der Welt draußen. Alles um uns ist abgestürzt: Wir wissen nichts von unseren Familien, wir haben keinen Beruf, keine Tätigkeit, wir haben nicht einmal eine Identität, es sei denn die elementare Identität unserer Körper. Und wir haben nur noch eine moralische Selbstgewißheit als letzte Instanz, und wir hoffen, diese hält uns, hält hier durch.

AUTOR: Für Noica war wie für viele andere in der gleichen Lage das von der Securitate üblicherweise erzwungene "Selbstbiographie"-Schreiben vor dem Verhör die eigentliche Folter, da dieses zur entsetzlichsten Wahrheit zwang:

 

NOICA: Ich setzte mich hin und schrieb fieberhaft, aber es wurde mir bewußt, wie leer unsere Leben sind.... ohne jede Bedeutung. Ich habe darunter gelitten, mir mein Leben selbst zu beschreiben, es war schmerzhafter, als die Schläge. Ja, ich erinnere eine dieser Bastonaden, bei der ich ´alles´ sagen sollte, sogar mit einer gewissen Lust ... Ich lag ausgestreckt, mit dem Kopf nach unten, auf dem Zementboden. Sie hatten mir ein Stück Fell auf die Weichteile des Rückens gelegt. Und ein Riese schlug mich mit einer geknoteten Peitsche. Sie gaben mir nicht mehr als acht oder zehn Hiebe, mein Körper aber war nachher überraschend lebendig und erfrischt...´

 

AUTOR: Noica war schon während der Diktatur so klarsichtig, daß er sich nicht durch Ressentiments irreführen ließ. Obwohl er in dieser Hölle gewesen war, sah er den Osten und genau so auch den Westen zugehörig zur gleichen ruinösen Entwicklung. Dieses trug ihm Feindschaft und Haß in Rumänien und bei den Emigranten ein. Ja, daß er auch dem "Bruder Karl" (Marx) ein Kapitel in einem Buch widmete, dessen 18 Bände Werkausgabe er im Gefängnis zu Zwecken der "Reedukation" lesen mußte, daß er ihn faszinierend fand, weckt bei vielen Leuten, sogar bei Freunden, Aggressionen.

"Betet für die Seele des Bruders Karl..." Schrieb er. Wird dieser "Bruder" vergessen werden? Nein, meinte Noica, sicherlich nicht, denn:

 

NOICA: ... eine Geschichte, die solch schmerzhafte Wunden in der Zeit und in den Seelen hinterlassen hat, kann niemals vergessen werden!

 

AUTOR: Der größte Gewinn für alle Menschen im Osten war, so Noica: daß in jedem die Gier nach dem Geld, daß in jedem der Besitzbürger abgetötet wurde; Noica sah sich dadurch sogar wie "neu geboren." Allen hatte dieser Verlust - so Noica - also einen Gewinn eingebracht, auch den Unterprivilegierten, die unter Bedingungen des Subhumanen gelebt hatten! Deshalb:

 

NOICA: Betet für die Seele des Bruders Karl...

 

SPRECHER: Noica wurde sogar "schuldhafte Konfusion" vorgeworfen, da er das gelobte Idol Westen für den gefährlicheren und dauerhafteren Feind der Menschheit hielt. Doch für ihn entsprangen beide Systeme aus der gleichen Wurzel ...

 

AUTOR: Kaum war Noica aus dem Gefängnis entlassen, las er Orwell. Und er stellte fest, daß sich in Ost und West, daß sich in der ganzen Welt die Welt Orwells zeige, nämlich ein Etwas, das es eigentlich gar nicht wirklich gibt, das wesenlos, leer ist, und sich abmüht zu sein, ja es erzwingt, da zu sein; im Osten durch Polizei und Ideologie, im Westen durch Schein der Reklame, Geld-Schein und Ware.

 

SPRECHER: Einige warfen ihm auch vor, daß er sein Charisma nicht dazu benützt habe, um eine innere Opposition gegen die Diktatur zu schaffen...

Und Anfang der sechziger Jahre, als er noch in politischer Haft war, versuchten rumänische Emigranten, ihn zu einem rumänischen Solschenizyn aufzubauen. Und schließlich sollte er freigekauft werden. Auch Mircea Eliade versprach 500 Dollar. Noica verweigerte sich. Und wählte den Dialog mit dem Regime - und einen Widerstand von innen, den er für wichtiger und effizienter hielt. Er sollte recht behalten.

 

AUTOR: Diese Opposition hatte er dann auf ganz andere, subtilere Weise und fundierter als nur einseitig politisch, geschaffen ... eine Art kleine Akademie in den Karpaten, in Páltinis (Pöltinisch; deutsch Hohe Rinne), nahe an Ciorans Geburtsort Rásinar (Röschinar), ein inzwischen im ganzen Land bekannter Kult- und Kulturort, den Noicas Meisterschüler Gabriel Liiceanu in seinem "Tagebuch von Páltinis" so beschreibt:

 

ZITATOR: 1975, kurz nach seiner Pensionierung, mietete Constantin Noica ein elendes Acht-Quadratmeter-Zimmerchen in Páltinis, einer Gebirgsstation nahe Sibiu-Hermannstadt, 1400 Meter über dem Meer, 330 Kilometer von Bukarest entfernt, und übersiedelte in jene Berghütte. Von jetzt an begann der spektakulärste Teil unseres Abenteuers. Wenn wir einige Tage Zeit hatten, eilten wir, seine drei-vier Schüler, nach Páltinis, in jene totale Isolation der Bergeinsamkeit, "4000 Fuß über der Menschheit", wie Noica es nannte. Auf stundenlangen Spaziergängen oder in jenem mit Holzfeuer geheizten Zimmerchen, fanden die faszinierendsten Gespräche statt, an denen ich je teilgenommen habe, die leidenschaftlichsten Auseinandersetzungen, es wurden die subtilsten, schärfsten und freundschaftlichsten Kritiken... Diese Begegnungen fanden innerhalb von fünf Jahren, zwischen 1977 und 1981, statt...

 

AUTOR: Und das in einer Zeit, wo die Zensur auf Hochtouren lief, Hunger, Finsternis, Kälte herrschten, das Fernsehen fast nur noch die Heilige Familie der Ceausescus präsentierte.

 

SPRECHER: Mancher hielt diesen Eremiten von Páltinis wohl für verrückt ...

 

AUTOR: zumindest für einen völlig Antiquierten, der seine Ideen wider den Zeitgeist richtete, und der ein ontologisches System aufgerichtet hatte, außerhalb von äußerer Zeitgeschichte und Realität, der die Hölle mit Ironie sah und weiter als eine Art Guru (sogar in der Zelle) von einem geistigen "Glück" fabelte.

 

ZITATOR: Ein Mensch ohne Entwicklung. Das Leben hat ihn nichts gelehrt ... vielleicht weil er sich von Anfang an vor Berührungen und Beeinflussungen hütete.

 

AUTOR: So nannte ihn die heute in München lebende rumänische Essayistin Marianne Sora in einem langen Brief an Gabriel Liiceanu. Noica jedoch hatte den "Zeitgeist" kurz vor 1989 besser erkannt, als seine befangenen Kritiker, und er wurde so tatsächlich auch zum großen Kommunikator und Katalysator für die rumänische Kultur, zum "Guru" der intellektuellen Jugend. Viele, unter anderen auch Cioran, irritierte er mit seiner Haltung und seinen Ideen, weil er das rote System hinnahm, ja, es bestand und überstand, geistig überholte, ihm zeitweilig (ein wenig launisch) sogar Werte bescheinigte, die es im Westen nicht gab, indem er über dem Alltag schwebte.

 

SPRECHER: Es heißt ja, daß der angeblich so antiquierte Noica (völlig frei von jedem antikommunistischen Ressentiment) lange vor 1989 ahnungsvoll die Zukunft einer neuen Wirklichkeit angekündigt habe, die alle Grenzen sprengen würde.

 

AUTOR: Schon in seinem Gefängnistagebuch wird dies überdeutlich, darin heißt es:

 

NOICA: Jenseits der beiden entgegengesetzten Welten bildet sich tatsächlich etwas ganz neues heraus: Kapitalismus und Kommunismus verlieren ihre Bedeutung zugunsten einer viel unfaßbareren Sache, einer dritten menschlichen Lebensbedingung, neu im Verhältnis zu jenen beiden, die nur von der (alten) Geschichte her kommen.

 

AUTOR: Um zu dieser neuen, noch undenkbaren und so hoffnungsvollen Synthese beizutragen, plante er ein Art Zukunfts-CAMPUS bei Hermannstadt-Sibiu, also in der alten mitteleuropäischen Kulturlandschaft Transsylvanien, wo sich Orient und Okzident, Philosophie und Technik, Religion und Wissenschaft, Poesie und Mathematik begegnen sollten. Er hatte durch die bitteren Gefängniserfahrungen den Mut nicht verloren, sondern eine andere, neue Einsicht gewonnen.

 

SPRECHER: Etwas ähnliches hatte übrigens auch Mircea Eliade schon vorgeschlagen.

 

AUTOR: Noica hoffte auf eine neue Meta-Physik, eine Überwindung des gegenwärtig in Ost und West herrschenden simplen Materialismus. Und er sah in der Zukunft auch eine Chance für das unverbraucht Geistige im Osten.

 

SPRECHER: Seinen Traum, im Dienste dieser (wohl sicher etwas übertriebenen) Vision, "Kulturtrainer" zu werden, hatte er sich gleich nach der Entlassung aus dem Zuchthaus mit erstaunlicher Zähigkeit und Beharrlichkeit erfüllt. Ganz allein machte er sich auf den Weg, um im ganzen Land junge begabte Leute aufzustöbern. Er klopfte an die Türen lokaler Behörden, fand aber kaum Unterstützung.

 

AUTOR: Er hatte eine andere "Opposition" im Sinn, als die eines politischen Dissidenten. Und das war die vorhin beschriebene "Akademie" in den Bergen. Was Schulen und Universitäten nicht leisten konnten, erreichte ein einzelner Mensch.... Tausende von jungen Leuten pilgerten Jahr für Jahr aus allen Teilen des Landes nach Páltinis, um mit Hilfe des "Seelentrainers" Noica eine Lösung für ihr Leben zu finden.... In den letzten Lebensjahren (Noica starb 1987) wurde er eine wahre Institution (wenn auch ganz aus der Nähe von der Securitate überwacht). Noica hatte etwa zwanzig bis dreißig Schüler, die er unmittelbar ausbildete und einige tausend, die durch den Geist seiner Bücher geformt wurden.

 

SPRECHER: Lorenzo Renzi schrieb in der Einleitung zur italienischen Ausgabe des Briefwechsels Cioran-Noica sogar:

 

ZITATOR: Noicas Tun, dem es gelang, im eigenen Land die Kultur vor dem Untergang zu bewahren, ist vielleicht die einzige Tat dieser Art in der Geschichte der kommunistischen Staaten, jedenfalls ein sehr rarer Fall.

 

AUTOR: Für ihn waren die Vertreter des Regimes nichts als "Lakaien der Geschichte". So hielt er auch Dissidenten für ein Spiegelbild der Macht, Opfer einer Illusion. Deshalb wohl ließ die Scuritate, die freilich alles beobachtete und sicher auch mit am Diskussionstisch dabei war, Noica gewähren!

 

 

CIORAN: Noica ... wurde das spirituelle Zentrum Rumäniens ... Wie es unmöglich ist, sich einen enttäuschten Heiligen vorzustellen, so auch einen bescheidenen großen Philosophen ... Er hatte sich in die Karpaten nicht zurückgezogen, um vor der Welt zu fliehen, sondern um sie aus der Ferne zu erobern. Alles, was im Menschen fruchtbar ist, ist auch unnormal. Die Einsamen sind virtuell die Eroberer. .. seine Einsamkeit ... war in Rumänien ein Triumph.

 

AUTOR: So schrieb der "ferne Freund" Emil Cioran ironisch und fast ein wenig neidisch über ihn. Zugleich aber schrieb Cioran in seinem Buch "Vom Nachteil geboren zu sein":

 

CIORAN: Vergebens sucht man in seinen Ideen die leiseste Spur der Prüfungen, die er zu erleiden hatte. Von Zeit zu Zeit findet man bei ihm den Reflex dieser Verletzungen, aber nur den Reflex. Er hat keinen Sinn für die Abgründe des Negativen, und versteht nicht, daß alles, was wir besitzen, nur ein Kapital an Nicht-Sein ist.

AUTOR: Vielleicht war Noica aus diesem Grunde, im Gegensatz zu Cioran, ein schier besessener Pädagoge, und sogar sein Schüler Liiceanu bescheinigt seinem Lehrer "Kulturfanatismus", der einen schrecklichen und pathetischen Zustand verbirgt, daß wir nämlich alleingelassen sind angesichts der Absenz Gottes: Noica sei unfähig gewesen, diesen Abgrund zu sehen.

SPRECHER: Doch sein erzieherisches Konzept, sein ganzes vorbildhaftes Wirken, diese Schule von Páltinis war nicht ohne Folgen geblieben. Noica starb im Dezember 1987, genau zwei Jahre vor der Revolution; seine beiden Meisterschüler Gabriel Liiceanu und Andrei Plesu und andere Schüler hatten eine nicht unerhebliche Rolle während der Dezembertage, und heute gehören sie, Plesu zuerst als Kulturminister und heute als Außenminister, Liiceanu als eine Art moralisches Gewissen, herausragender Intellektueller und Denker, sowie als Gründer des wichtigsten rumänischen Verlages nach 89 zu jenen, die die rumänische Öffentlichkeit prägen.

 

AUTOR: Beide hatten während der Revolutionstage großen Mut bewiesen. Plesu solidarisierte sich wider den mächtigen Terror-Apparat Ceausescus im Frühjahr 89 mit Mircea Dinescu. Leidenschaftlich und mutig war Liiceanu unmittelbar nach dem Sturz des Tyrannen, als noch die sogenannten "Terroristen" wüteten, ins öffentliche Leben getreten. Als eine Art Volkstribun und Berater. Nun wurde er eine Art sokratischer Guru, moralische Instanz, die im geistigen Vakuum, das die Diktatur hinterlassen hatte, Wissensdurstigen in der Öffentlichkeit eine Menge Fragen, die bisher gar nicht gestellt werden durften, etwa, was ist Freiheit, zu beantworten versuchte.

SPRECHER: Noica hatte also post mortem mit seinem Konzept gesiegt. Die Nation hatte eine Prägung - über seine Schüler durch ihn erhalten! Und heute wird er in großen Auflagen verbreitet und ist einer der Heiligen der Kultur für die Rumänen.

 

AUTOR: Daß Emile Cioran dieses Wunder des Gelingens bei Noica, das schon zu Lebzeiten sich abzeichnete, sowie dessen positive Einstellung irritierte, war klar. Hielt Cioran doch das unausweichliche Scheitern für die wichtigste Charaktereigenschaft und Originalität der Rumänen. Und er gratuliert Liiceanu für das "Tagebuch von Páltinis", es sei eine Hommage auf der Höhe dieses bewundernswürdigen Deliriums Noicas, "dieser Seele eines donquichottesken Abenteuers". Aber gerade diese Miniakademie des Geistes in Paltinis, dies reale Delirieren Noicas, meinte Cioran, zeige ja das gähnende Nichts des übrigen Landes.

 

SPRECHER: Doch all dieses Schlafwandlerische, vielleicht sogar kindliche Tun des Philosphen Noica, das sich freilich so positiv und machtvoll ausgewirkt hatte, war ein Segen in seiner Wirkung. Eigentlich ein unmögliches Unterfangen, allein etwas zu versuchen, was eine ganze Kulturströmung tun müßte und nicht tat, das Dritte, das Neue zu finden. Schon ahnungsvoll vor 1989 hatte Noica als eine Art nationale Institution für die neue Generation einen Weg versucht.

 

ZITATOR: Schon 1968 .... nach zwanzig Jahren des Schweigens, erfüllte Noica in der rumänischen Kultur Bedürfnisse nach moralischer Reinheit und Universalität der Kultur.... wie niemals vorher erhielt diese einen religiösen Wert. Griechisch, Lateinisch, Deutsch zu lernen, zu übersetzen, zu verlegen - in einer durch das ideologische Dogma in zwanzig Jahren zu Tode verwundeten Welt, über Platon, Plotin, Kant, Kierkegaard, Nietzsche, Freud oder Heidegger, raffinierte und gelehrte Bücher zu schreiben, all dieses waren Momente eines geistigen Freiheitsrituals, in einer Welt, in der alles nach Kriterien der (verdummenden politischen) Aktion und der Praxis gemessen wurde.

 

AUTOR: So Liiceanu in seinem "Tagebuch von der Hohen Rinne/Páltinis". Kein Wort über die Securitate, die Hölle des Alltags im Ceausescu-Rumänien. Und Cioran nannte Páltinis in einem Brief ironisch "letzte Spur des Paradieses" und in einem Brief an Noica schrieb er:

 

CIORAN: ... ich muß mich andauernd wundern: wie konntest Du Dir nach solch einem brutalen Zusammenstoß mit der Geschichte die Lust am Denken zurückgewinnen. Und ich sage mir andauernd: hier (in Paris) sind wir alle verbittert, pervertiert, enttäuscht, während er, der wie Hiob schreien müßte, voller Leben ist, Opfer eines jugendlichen Enthusiasmus. ... Du mußtest eben belohnt, wir bestraft werden...

 

AUTOR: Und Noica antwortete:

 

NOICA: Das Leid interessiert die Philosophie nicht; genau wie das Gute gehört es dem Bereich der Seele, nicht dem des Geistes an.

 

AUTOR: Er irritierte damit Freunde und Feinde. Die Beschäftigung mit Leid und Tod lehnte er also ab, obwohl er sich inmitten von Leid und Tod befand. War es unbewußte Todes-Angst, die ihn beherrschte? Es ist wahrscheinlich, denn wie ließe sich sonst erklären, daß er bei dem kleinsten Wehwehchen in Panik geriet, bei hohem Blutdruck oder Fieber sofort zum Arzt lief, viel und ungeordnet redete, und schließlich in Tränen ausbrach und flüchtete. Ist dieses der wunde Punkt, eingestehen zu müssen, daß angesichts des Schmerzes und des Sterbens nichts hilft, auch Kultur, Ideen nicht!?

Das Leben ohne Kultur war für ihn das Bild des Todes. Und, daß jeder nur einmal die Chance hat innerhalb der Geschichte zu leben, daß daher jeder die Pflicht habe, diese Chance zu nützen.

 

SPRECHER: Noica hatte als Person eine starke Ausstrahlung, er zog alles in seinen Bann, schuf Welt um sich, die ihm ähnlich sah: "Páltinis, die Hohe Rinne, ist eine Projektion des Noica-Geistes geworden", heißt es in Liiceanus Tagebuch:

 

ZITATOR: ... bis hin zu den Leuten hier - die Putzfrauen, Verkäuferinnen des Lebensmittelladens, die Jungen vom Skilift, die Mädchen aus der Kantine - haben alle eine Art Beziehung erhalten, ihr Selbstwertgefühl scheint von seinem Gruß abzuhängen, von der Pelzmütze, die er mit einer langsamen, verzögerten Geste lüftet, dabei demütig-ehrerbietig lächelt; wie er ... sich so vor dem Prekären alles Geistigen und Seelischen verneigt, denn ohne diesen Mangel gäbe es kein Pathos, keinen Höhenflug, nicht einmal seine eigene Philosophie. Aber die Hohe Rinne ist eine Projektion des Noicaschen Geistes, nicht nur durch seinen Rückzug hierher, durch die Orte, die er täglich betritt, und zwar dreimal am Tage auf seinen Spaziergängen oder durch sein ´Traktat über das Wesen´, das in diesem kleinen Zimmer entstanden ist, nein, heute morgen angesichts einer entfesselten Sonne, die aus Tannen und Himmeln äußerst entschiedene Farben hervorbrachte, führte mich Noica zum nahen Kloster, um mir die Stelle zu zeigen, die er für sein Grab ausgewählt hat.

 

AUTOR: Selbst seine Anhänger hatten es mit widersprüchlichen Gefühlen wahrgenommen, daß er "antiquiert" und zugleich "sehr modern" war ...

 

SPRECHER: Vor allem aber, daß ihm die Menschenliebe fehlte, er deshalb seelenlos schien, daß er anstatt zu leben, schrieb, dachte, wenig fühlte.

 

AUTOR: Plesu sieht in seinem Lehrer und seiner Art, nicht nur einen symptomatischen Charakter der Moderne, sondern auch einen, der das totalitäre Zeitalter wiederspiegelt.

 

SPRECHER: Das heißt ja dann wohl, daß er seine Ideen restlos, also ganz ohne Biographie, leben konnte. Fast ein Spiegel auch für die andere Seite, die ja vorschrieb, daß kein Leben, sondern nur Ideologie zu sein hatte!

 

AUTOR: Und es könnte sein, daß dieses "Dazwischen-Sein" eines Intellektuellen im System der Diktatur, die jede Äußerung kontrollierte, und eigentlich spontanes Leben gar nicht zuließ, tatsächlich auch als ein Widerhall der Lebens-Leere zu sehen ist, die im Kommunismus besonders intensiv spürbar gewesen war. Noicas Denken war vielleicht durchaus auch ein Spiegel der konzentrationären Existenz, ein Gedanken-Spiegel, den der Häftlingsphilosoph dann zu seinem so hochgefahrenen "System", zu seiner geistigen "Ontologie" destilliert hatte, wie Plesu vermutet. Schließlich sei dann angesichts der Rolle dieser sublimierten Zeugenschaft, jede "Anwesenheitserinnerung" nebensächlich gewesen, da es wirkliche, gar öffentliche Anwesenheit im Staatssozialismus gar nicht gab.

 

SPRECHER: So kehrt der Noica-Jünger die Vorwürfe gegen Noica geradezu um: Die kuriose Persönlichkeit des großen Alten sei nämlich im Zwischen gewesen, man könnte sagen, sie war eine Art befreiende Zwischenschaft. Denn war es nicht generell so: nur die Gedanken waren, wenn auch von innerer Zensur beschädigt, einigermaßen frei, man lebte in der Diktatur eigentlich nicht wirklich, sondern war nur in der Verborgenheit, im Privaten und im Kopf zu Hause ...

 

AUTOR: Möglicherweise ist auch Noicas Grundbegriff davon geprägt worden: Im Rumänischen ist das Lateinische intro, drinnen, zu întru, zu einem hochinteressanten Zwischenbegriff geworden, schwebend zwischen Sein und Nichtsein; întru bedeutet nämlich weder drinnen noch draußen, sondern den Übergang, den Grenzgang zwischen beiden. Der Mensch lebt nicht wirklich, ist nie ganz, immer zwischen Leben und Tod, was schon von Sekunde zu Sekunde wie Nichts unfaßbar weggleitet, und in der Angst, völlig vom drohenden Nichtsein verschluckt zu werden, gipfelt; Noica geht dabei auf die in einer Diktatur, die den Einzelnen jederzeit erledigen kann, furchtbar gesteigerte Todesangst ein, nennt jedoch die gefährliche unmittelbare Bedrohung nicht:

 

NOICA: Der Tod ist nur eine der Beschränkungen, der Verstümmelungen, die jedem zugefügt werden. Bewußt oder nicht, alle leiden wir daran, nicht ganz da zu sein und der Tod ist nur eine der Möglichkeiten, diesen Schmerz zu empfinden.

 

AUTOR: Die Leere, das Nichtleben ist das Bild des Todes.

 

SPRECHER: ... die Interlinearversion, die Metapher, der Ideentransport im Versteckspiel mit dem Regime war Alltag, denn Millionen in der Seele gespaltene Menschen führten eine schizophrene Existenz, von der nicht nur Philosophie oder Literatur betroffen waren; diese haben als verfeinerte Instrumente, um dem Zwang zu entkommen, unter Druck Neues geschaffen, das in der heutigen, von ganz anderen Zwängen diktierten "neuen Zeit", nicht vergessen werden darf; diese Instrumente gehören zum Gedächtnisreservoir der Menschheit, zu ihren grausamen Abenteuern.

 

SPRECHER: Aber es war nicht nur Mut der Verzweiflung, sondern ein gewisser Übermut, ja, eine gewisse Besessenheit, sogar Verrücktheit nötig, um sich nicht kleinkriegen zu lassen! So war es auch bei Noica, den seine Anhänger als einen Eremiten erinnern, der sein Äußeres vernachlässigte: mit seinen ewigen Galoschen, dem alten Mantel, an dem alle Knöpfe fehlten, seinen kleinen Kindlichkeiten und Verrücktheiten, daß er etwa freiwillig den Kellnern von Snagov Englischlektionen gab; in seinem winzigen und kalten Zimmerchen in der "Villa 23" von Paltinis, als "Kulturtrainer" agierte; der seine Schüler am Holzofen und mit einem Glühschnaps erwartete; der sich nie als Philosophieprofessor aufspielte, auch nicht als heiliger und geheimnisvoller Guru; der sich väterlich und eher brüderlich offen allen Fragen stellte; jeden mit der erregenden und stimulierenden Hoffnung gehen ließ, daß er werden möchte, was er ist, daß es sich lohnt, ein geistiger Mensch zu sein; dieser Noica war für den roten Osten sicher ein einmaliges Phänomen. Und solches war unter Diktaturbedingungen eigentlich nur in Rumänien möglich:

 

AUTOR: Es stimmt, nie wurde im Noica-Kreis über Politik oder gar über das System gesprochen; verachtungsvoll wurde alles ausgeklammert, was zum "Ordinären" der unmittelbaren Lebensbedingungen gehörte, und doch saßen diese "Lebensbedingungen", die Horcher, immer heimlich mit am Tisch.

 

SPRECHER: Es war sicher nicht nur Taktik, sondern durchaus Existential und Substanz dieser Gruppe. Und man kann dieses auch anders und sehr kritisch sehen! Einer der Noica-Gegner, Gegner auch der "Schule von Páltinis" und der Noica-Meisterschüler Liiceanu und Plesu, S. Druckmann-Damian, schrieb dazu:

 

ZITATOR: Über Totalitarismus, Faschismus, Demokratie, das Verhältnis zur Geschichte ... werden keine Worte verloren... ja, sogar dem Spott preisgegeben ... Aus ihrer selbstgefälligen Isolation lächeln die Noicaanhänger uns überlegen-gönnerhaft zu.

 

SPRECHER: Doch war diese Isolation nicht auch ein Schutz? Genau dieser schmerzlichste Punkt, Angst und Einsamkeit waren, wenn auch bis zur Unkenntlichkeit sublimiert, das Zentrum von Constantin Noicas Philosophie...

 

AUTOR: Noica nahm dazu einen Riesenumweg durch die gesamte Philosophiegeschichte. Er versuchte dem Meisterschüler Liiceanu sein Denken einmal als eine Art Passage des äußeren "Mediums" ins Innere zu erklären, die alles so Bedrängende und Gefahrvolle verfeinere und vergeistige, um diese Einsamkeit des Einzelnen so zu heilen, ihn aus der durch die Diktatur verursachten Vereinzelung zu befreien, wieder mit dem Ganzen, das er mit dem Geist gleichsetzte, zu verbinden.

 

SPRECHER: Der Noica-Kreis steckte also, was ja völlig plausibel ist, voller Widersprüche; er spiegelte eigentlich ziemlich gut die Typologie des östlichen Intellektuellen, vor allem die des rumänischen! Den totalen Realitätsverlust und das daraus erwachsene zeitlose Abheben ins Wolkenkuckucksheim des eigenen in sich selbst kreisenden Bewußtseins und des Ich. Vor allem war das bei der älteren und der mittleren Generation der Fall.

 

AUTOR: Es war aber andererseits eine gewisse "positive Zurückgebliebenheit" ... Und wir müssen diese soziale und historische "Pause" in einer erzwungenen Absenz gerecht beurteilen: Von der Weltkultur und Weltzivilisation, aber auch von ihren westlichen Giften in der Diktatur abgeschottet, entstand hier nicht nur eine wichtige naiv-unverdorbene Denkschule, die der Diktatur aber auch der Dekadenz des Westens zu trotzen versuchte

 

SPRECHER: Was aus Unsicherheit in der Isolation nicht selten zu Übertreibungen und Realitätsblindheit führte. Auch Noicas Schüler Liiceanu und Plesu, die damals als Humboldt-Stipendiaten in Heidelberg studierten, waren davon betroffen. In Briefen an den Meister hieß es plakativ:

 

ZITATOR: Die Welt der Deutschen ist so, wie Sie sie kennen: perfekt, freundlich und langweilig. Die Bücher sind nicht teurer geworden, die Studenten schreiben: `Scheiße` an alle Wände, das Bier ist hervorragend, die Bibliotheken angenehm, die Professoren frönen ihrem stumpfsinnigen Sachverstand.

 

SPRECHER: Doch wenn wir genauer hinsehn, dann läßt sich in der Substanz dieses vom westlichen Europa entfernten Denkens vom Rande her doch erkennen, daß Distanz den Blick schärft ...

 

AUTOR: Eines der letzten und wichtigsten Bücher Constantin Noicas ist "De dignitate Europae". Als Vorwort dazu veröffentlichte er eine scharfe Kritik an Westeuropa: "Brief an einen jungen westlichen Intellektuellen". Noica analysiert das europäische Kulturmodell, verteidigt es, und versteht es als einmalige planetarische Kulturleistung, da es ("seit dem Konzil von Nicäa") die offene Dimension in der Zeit und Entwicklung in sich trage.

 

AUTOR: Und kommt auf sein Grundkonzept zurück: Doch nicht der unendliche materielle Fortschritt mißverstandener Aufklärung ist und war je gemeint. So nimmt Noica eine unendliche geistige Entwicklung des Menschen an; doch diese Offenheit sah er in Ost und West gefährdet. Und da setzte seine Kritik ein.

 

NOICA: Sind wir noch zu retten. Wovor zu retten?

 

AUTOR: Wie ein alter Weiser, der das Lebendigste sucht, um das Tiefste denken zu können, formulierte er wichtige Gedanken in transparenten Anekdoten. Liiceanu erzählt in seinem Tagebuch etwa:

 

ZITATOR: Die Páltinis-Tour nach dem Frühstück beginnt mit Frost und dichtem Nebel. Noica spricht mit dem Schal vor dem Mund, und gegen Ende des Spaziergangs sind seine Gesten sehr lebhaft, der ganze Körper wie beflügelt von Inspiration, der Schal in der Hand und der Mantel flattert. Es war die großartigste peripatetische und hochpathetische Rede dieser Tage ...

 

NOICA: ... Aufmerksam sein in der scheinbaren Monotonie des Alltags, wie etwas Neues erscheint, das ist alles. Vielleicht löst sich in dieser einfachen Aufmerksamkeit auch das Rätsel, wie etwas Neues erscheinen kann in den späten Stunden des Lebens... Seid aufmerskam bei allem Neuen, wie es täglich erscheint, und ihr werdet sehn, wie es sich als Wunder zeigt.

 

AUTOR: Werden und Entdecken der innern, reifen Geschichte in der Aktualität. Noica wetterte gegen die nackte lineare Zeit, die keine innere Berührung kennt. Einmal begegneten Liiceanu und Noica auf ihrem Spaziergang in Paltinis einige Läufer, die hier schwitzend trainierten, und Noica kommentierte:

 

NOICA: Es ist traurig zu sehen, wie prekär alles ist, was vom Geist nicht berührt wird. Ich bemitleide einfach die Sportler und schönen Frauen. Du siehst, wie sie sich abquälen, um im glücklichen Augenblick, im kairós zu leben, die günstigen Gelegenheit nicht zu verpassen, in "optimaler Form" zu sein; andauernd von einem "Noch höher" terrorisiert und von der Angst vor dem Fiasko, der Leere, die dich ständig bedroht, wenn du alles auf diese einzige Karte setzt. Während im geistigen Leben alles unaufhörliches Wachstum ist; jeder Tag ist ein Gewinn und kein Verlust, und mit jedem Tag fühlst du dich deiner optimalen Form näher.

 

AUTOR: Sport, Performance, Konkurrenz, LAUF? Metapher für die falsche Fortschrittsidee, die nur an einer äußeren Entwicklung und Zivilisation interessiert ist? Wie der Historische Materialismus oder der westliche Wachstumswahn, der diese Kultur und die Erde in eine ökologisch fast auswegslose Katastrophe hineinmanövriert hat?

 

NOICA: Oder wollt Ihr unterstellen, daß die Physiker schuld seien oder die (vorgeblich "faustische") Wissenschaft? Dann lest doch einmal "Faust II" und erseht daraus, daß Goethe besser als Ihr wußte, wer hinter den Dingen steckt.

 

AUTOR: Und er bringt Einstein als Beispiel, dessen Warnungen vor dem eigenen Produkt, 1945 vor der Atombombe, vergeblich waren. Noica rief daher die "jungen westlichen Intellektuellen" auf, sich gegen die angeblichen Sachzwänge des Zeitterrors zu wehren. Noicas Angriff geht vom festen Boden einer Kultur aus, nämlich der europäischen, die er eine "unvergleichlich geglückte Kultur" nennt, und die der Terror einer oberflächlichen Wegwerfgesellschaft (Noica nennt sie "Bye-bye-Gesellschaft"), entstellt und herabsetzt. Und der eigentliche Zeitgeist wird nicht wahrgenommen, daß die Welt Geist ist, der nicht als Geist erscheint.

 

SPRECHER: Noica wußte, daß die neue Kultur eine Öffnung sein müsse, eine Art kosmische Wende und Umkehr, die unter einem anderen Zeit-Zeichen steht als bisher. Und um diese notwendige Chance wahrzunehmen, so Noica, gebe es nur ein "kleine Spanne des Verweilens", eine Art gestundete Zeit.