AN WOLF VON AICHELBURG

Wolf von Aichelburg, Schriftsteller und Komponist, 1912 - 1994. Wahlsiebenbürger. Übersetzer bei der rumänischen "Pressedirektion" 1940-44; wurde zweimal eingekerkert: 1948 - 1952, und dann im "deutschen Schriftstellerprozeß" (1959). 1964 begnadigt. Schrieb vor allem Lyrik: "Herbergen im Wind" (1969), "Lyrik, Dramen, Prosa", 1971 "Vergessener Gast", "Aller Ufer Widerschein". 1977 Übersiedlung in die Bundesrepublik. Ab 1970 Briefwechsel mit Cioran, den er seit der Vorkriegszeit kannte.

 

Paris, den 16. Juni 1970

Lieber Freund,

ich danke Ihnen für den zugeschickten Hölderlin, der, ohne die üblichen "philosophischen" Abschweifungen, die die gegenwärtige Kritik so schwerfällig machen. sehr dicht ist und zur Sache spricht, Der Vergleich mit Keats und Shelley erscheint mir absolut gerechtfertigt. Ich schätze die englische Poesie sehr hoch ein. Neben ihr erscheint mir das französische Gedicht (mit Ausnahme Rimbauds) fast banal. - Es ist sehr schade, daß Sie noch nicht wissen, worauf Sie sich in Zukunft verlassen können. Unsere Landsleute*, sind in solch gesteigertem Maß unberechenbar, daß Sie sicher recht tun, für sie nur ein beißendes Wort übrig zu haben. Welch ein Jammer, Wut packt mich, wenn ich an meine Herkunft denke! Die bewegt sich zwischen Fluch und Mahala!

In Freundschaft

 

Paris, den 29 August 1970

Mein lieber Aichelburg,

danke Ihnen für den Brief und die Ansichtskarte. Ich habe vor etwa zehn Tagen mit jemandem, der Sie gut kennt (er stammt aus Schäßburg, wenn ich mich nicht irre) über jene Aussichten gesprochen, von denen Sie in Ihrer Ansichtskarte schrieben ; und er meinte, Sie hätten Chancen.

Sie haben mir nicht geschrieben, ob Sie englisch lesen. Wenn ja, könnte ich Ihnen Londoner Zeitungen zuschicken. Was mich betrifft, lese ich aus verständlichen Gründen sehr selten die hiesige Presse. Manchmal muß ich daran denken, wie schlecht ich inspiriert war, mich in einem Land niederzulassen, das in so vieler Hinsicht dem mioritischen Raum ähnelt. Die Engländer sind da ganz andere Leute: sie sind geniale Sachsen.

In Freundschaft

Paris, den 20. November 1970

Lieber Freund,

danke für die beiden Postkarten. Ich bin neugierig, Ihre Meinung über das Land unserer Nachbarn aus dem Norden zu erfahren. Ich habe hier Hunderte von ihnen kennengelernt; einige erschienen mir außergewöhnlich, andere unmöglich. Ich zweifle keinen Augenblick daran, daß sie gewisse psychologische oder besser moralische Affinitäten mit den Preußen haben. Die gleiche Hochnäsigkeit, der gleiche Mangel an diplomatischem Takt, doch auch die gleiche rührende Naivität unter dem Mantel ihrer Schwerfälligkeit und Frechheit. Die Frauen haben das gleiche Lachen wie die Berlinerinnen, doch sind darüber hinaus noch üppig und klebrig.

Sie haben mir nie Gedichte von Ihnen geschickt. Ich würde mich freuen, sie lesen zu können. Dieter hat mir geschrieben, er wolle versuchen, etwas zu tun. Irgendeine Einladung.

Krakau muß eine außerordentlich schöne Stadt sein. Und jetzt eine frivole Frage: wie hieß Ihre frühere Straße in Hermannstadt? Zu meiner Zeit hat sie ganz sicher einen andern Namen gehabt. Diese meine Anhänglichkeit an diese Stadt ist absolut seltsam, während doch das übrige Land mir völlig gleichgültig geworden ist.

 

In Freundschaft

 

 

 

Paris, den 30 Dezember 1972

Lieber Freund,

vergessen Sie nicht, mir Ihren "Sammelband"* zu schicken. Schicken Sie ihn auch an Kraus, den ich ein einziges Mal gesehen habe, aber er ist eine Seele von Mensch, lieb und hilfsbereit. Schreiben Sie ihm an seine private Adresse: Berggasse 6, IX Wien. Er hat eben ein Buch über die Gegenwartsrevolution veröffentlicht. Im allgemeinen bin ich mit ihm einer Meinung. Mit fortschreitendem Alter fühle ich mich mehr und mehr als Österreicher. Vergangenes Jahr hat mich die Tochter Hugo von Hofmannsthals besucht, eine sehr sympathische alte Dame. Das Universum ihres Vaters ist mir sehr vertraut. Welch ein geniales Werk ist doch der Brief an Lord Chandos!

 

Prosit Neujahr und meine ganze Freundschaft

 

 

 

 

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AN LINDE BIRK

 

Linde Birk, geb.1938, betreute als Verlagslektorin in den sechziger und Anfang der siebziger Jahre die Bücher Ciorans bei S. Fischer. Lebt und arbeitet seit 1973 als freie Übrsetzerin in Stuttgart und Camaiore/ Lucca.

 

 

Valcanlos, den 9. September 1969

Liebe Linde Birk,

im heute so selbstzufriedenen Deutschland kann mein galliges kleines Buch gar keinen Erfolg haben. Wenigstens ist es wunderbar aufgemacht, und dafür möchte ich Ihnen danken.

Ich habe gerade zu Fuß einen Teil des Weges von Compostella zurückgelegt - mehr als Tourist denn als Pilger.

Sehr herzlich der Ihre

 

 

Paris, den 29. Dezember 1969

Liebe Linde Birk,

wie gern hätte ich Sie kreuz und quer durch mein Land begleitet, obwohl ich es sehr schlecht kenne und es sich für mich auf die Gegend um Sibiu-Hermannstadt beschränkt, wo ich eine paradiesische Kindheit und eine eher bewegte Jugend verbracht habe, die sich ziemlich genau in jenen "Culmile disperarii" widerspiegelt, die ich dieser Tage einmal wiederlesen möchte. Dies ist ein Buch, über das ein Kritiker damals (um 1934) gesagt hat, "wenn man nicht wüßte, wie alt der Autor ist, könnte man glauben, es sei von einem Paralytiker geschrieben..."

Ich bin keineswegs erstaunt, daß die "Syllogismen" so wenig Leser gefunden haben. Vielleicht wäre es besser gewesen, mit "La Tentation d'exister" anzufangen, einem Werk , das zu der positiven Stimmung der heutigen Deutschen besser paßt.

Wenn ich konsequent mit mir selber oder auch nur mit meinen "Prinzipien" wäre, müßte mich das Schicksal meiner Werke vollkommen gleichgültig lassen. Dies ist wohl ziemlich oft so, aber nicht immer. Man wird nicht ungestraft auf dem Balkan geboren.

Ich hoffe sehr, das Vergnügen zu haben, Sie bei Ihrer nächsten Reise hierher zu treffen, denn ich würde Sie unter anderem gern über jenes Dorf ausfragen, das mehr oder weniger meinen Namen trägt, und von dem ich noch nie etwas gehört habe.

Meine besten Wünsche und freundschaftlichsten Grüße

 

 

Paris, den 1. Juni 1970

 

Liebe Freundin,

danke für Ihre Zeilen und die Zeitungsausschnitte. Ich bin zu dem Schluß gekommen, daß es ein Fehler war, mit den "Syllogismen" zu beginnen - einer Folge von Scherzen, die auf dem Balkan oder in Paris ein gewisses Interesse wecken können, für ernsthafte Länder aber nicht geeignet sind.

Mit Freude lese ich, daß Sie bald wieder hierher kommen. Der Abend mit Ihnen und Herrn Schlesak ist mir noch in ausgezeichneter Erinnerung. Vielleicht begleitet er Sie auch diesmal. Ich würde es mir jedenfalls wünschen.

Meine herzlichsten Grüße an Sie beide, und auf bald

 

 

 

 

 

AN LUCIAN BOZ

 

Mit Lucian Boz, einem bekannten rumänischen Kritiker der Zwischenkriegszeit (Cartea cu poeti, 1935. Buch mit Dichtern. Uund Eminescu , 1932), der sich in Sydney niedergelassen hatte, korrespondierte Cioran zwanzig Jahre lang (1974-1991)

 

 

Paris, den 11. Juli 1977

 

Mein lieber Boz,

ich habe Holban kaum gekannt, ich habe Sebastian viel besser gekannt. Ihr seid hart mit allen beiden. Aber eine gewisse Dosis Ungerechtigkeit schadet den kritischen Analysen nicht, sie ist sogar das Pikante daran. Wehe dem Chronisten, der immer recht hat!

Die Lehre vom Zerfall ist seit langem vergriffen, es wird aber im Herbst nachgedruckt, dann schicke ich Dir ein Exemplar.

Den fraglichen Preis habe ich abgelehnt, weil ich Ehrungen verabscheue und man sie in diesem Land allzu sehr liebt. Andererseits muß ich zugeben, daß man durch die Reaktion auf eine Welt von Eitlen Gefahr läuft, der Sünde des Hochmuts zu verfallen. Es ist entschieden nicht leicht, bescheiden zu sein.

Auch ich war sehr froh über das Wiedersehen mit Dir. Was die Lage betrifft, hoffe ich, wir werden, wenn Du wiederkommst, über unsere Prognosen und unsere Befürchtungen lachen können. Seien wir Optimisten wider alle Evidenz.

Grüße Madame Boz von mir. Meine Freundin Simone hat Dich in bester Erinnerung.

Herzlich

 

Paris, den 8. Dezember 1977

Mein lieber Boz,

die Adresse von Arsavir lautet: Piata Dorobanti 3, Bukarest I und nicht Strada Dorobanti (ich frage mich, ob es diese strada gibt. Der Mangel an Phantasie oder gutem Willen der walachischen Post ist unbegreiflich). Arsavir hat ganz am Anfang enorm gelitten, er arbeitete täglich zehn Stunden in einem Lager, wo er cu o roaba mit Zement, Sand und Gottweißwas transportierte. Nach einem Jahrzehnt der Prüfungen aller Art ist es kein Wunder, daß er ein paar Gebrechen mit sich herumschleppt, wobei sein Herzleiden ziemlich ernst ist.

Dir und Deiner Frau herzliche Grüße und alle guten Wünsche für das kommende Jahr.

 

 

Paris, den 14. Juni 1978

Mein lieber Boz,

danke für Deinen Brief. Ich kenne Nicu Steinhardt seit langem vom Hörensagen; gestern bin ich ihm endlich begegnet, und wir haben ein paar Stunden miteinander verbracht. Wir haben über Dich, über Arsavir und alle unsere gemeinsamen Freunde gesprochen. Ich brauche Dir nicht zu sagen, daß er einen ausgezeichneten Eindruck auf mich gemacht hat. Im übrigen sind sich alle darin einig, daß er etwas Seltenes. so etwas wie ein Heiliger ist. Er hat mir mitgeteilt, daß Bellu Silber gestorben ist (vor drei Monaten). Ich hatte freundschaftliche Gefühle für ihn und bedauere, keine Möglichkeit gehabt zu haben, ihn wiederzusehen.

Wann glaubst Du, wieder hierher zu kommen?

Mit den freundschaftlichsten Gedanken

 

 

Paris, den 15. Februar 1979

Mein lieber Boz,

danke für Deinen Eminescu, ein sehr vielschichtiges Buch mit zahlreichen Facetten, das so gut die intellektuelle Atmosphäre unserer Jugend heraufbeschwört.

Ich denke dabei besonders an Deine Betrachtungen über sîngele strein , über die ethnische Vorgeschichte des Dichters. Das war die Epoche, in der man sich für die "nationalen Eigenschaften" zu interessieren begann, was in Deinen Betrachtungen über den Messianismus nachklingt, auch in jenen über die Untauglichkeit der Rumänen für die Abstraktion, die Philosophie. (Eines der interessantesten Kapitel ist das allerdings kurze Kapitel mit dem Titel: Religiosul, metafizicul si poetul).

Über Deine Begegnung mit der Psychoanalyse gäbe es viel zu sagen. Im Unterschied zu Dir hatte ich die Theorie des "Doktors" Vlad, über die ich mich entrüstete, heftig abgewehrt,. seine Anspielungen auf das Laster des Enzelgängertums und die Beharrlichkeit, mit der er darüber sprach, hielt ich für übelsten Geschmack.

Meine Überzeugung ist, daß Eminescu Baudelaire und selbst Hölderlin nicht kannte.

Hast Du gut daran getan, die Protokolle zu veröffentlichen? Ja, sicher, denn sie helfen dem Leser, nicht nur Deine theoretischen Positionen besser zu verstehen, sondern auch Deinen Platz zu einer bestimmten Zeit, die einer uralten Periode anzugehören scheint. Ich habe Eugène nichts von Deinem Buch erzählt, denn er hätte es zurecht seltsam finden können, daß er es nicht erhalten hat. Seine recenzie ist ganz in seiner "negativistischen" Art jener Zeit geschrieben.

Nochmals Dank für dieses sehr angenehme Zeichen aus einer anderen Welt.

 

In alter Freundschaft

 

 

AN PAUL CELAN

 

Mit seinem Landsmann Paul Celan, 1920-1970, war Cioran in Paris befreundet, eine schwierige Freundschaft, wie Cioran selbst betont. Nachdem seine "Lehre vom Zerfall" inkompetent übersetzt worden war, bat er Celan die Übersetzung zu übernehmen, was dieser auch sofort tat.

 

 

Paris, den 18. Januar 1959

Mein lieber Freund,

danke für die Zusendung der von Ihnen so wunderbar übersetzten Gedichte Ossip Mandelstams. Haben Sie diesen Dichter, von dem ich bis zum heutigen Tage nie etwas gehört hatte, nicht einmal seinen Namen, selber entdeckt oder war er schon bekannt?

Was machen Sie so? Ich für mein Teil erfreue mich sozusagen einer ziemlich schlechten Gesundheit und hänge jämmerlich herum. Wenn Sie Lust haben, könnten wir uns vielleicht bald einmal treffen?

Mit den besten Empfehlungen an Ihre Frau, herzlichst Ihr

 

 

 

AN ERWIN CHARGAFF

 

Erwin Chargaff, geb.1905, bekannter New Yorker Molekularbiologe, stammt wie Paul Celan aus Czernowicz. Aus dem Ton der Briefe ist zu entnehmen, wie hoch ihn Cioran achtet. Chargaff hat Vorarbeiten zur Entdeckung des DNS vorzuweisen. Cioran war Chargaff dankbar, "und jubelte begeistert auf", wie er in einem Aufsatz "Beim Wiederlesen der `Lehre vom Zerfall`" (Akzente 3, Juni 1979, S. 336) schreibt, als er bei Chargaff las, daß "seiner Ansicht nach nur das zu existieren verdient, was auf Französisch ausgedrückt wird." Das tröstete Cioran, den Wahlfranzosen, der das Französisch wie eine "Zwangsjacke", als unterkühlt, streng, das Gegenteil von seinem Temperament, empfand.

 

 

Paris, den 15. August 1978

Lieber Freund,

danke für Ihren Brief und für Feu d'Héraclite - eine bewundernswerte Heraufbeschwörung von Erfolgen und Niederlagen, wo die Bitterkeit ständig durch die Eleganz des Tons, durch eine Ausgeglichenheit korrigiert wird, die an einen besänftigten Swift denken läßt. Besonders gut haben mir Ihre Seiten über den Niedergang Österreichs gefallen. Wußten Sie, daß diese Tragödie in Pariser Intellektuellenkreisen, wo man alles zu spät entdeckt, gerade Mode ist, wenn ich das so sagen darf? In France-Culture konnte man neulich sogar die Stimme von Karl Kraus hören! So habe ich auch die Genauigkeit Ihrer Beschreibung bestätigt bekommen. Wirklich schade, daß Seuil sich nicht entschließen konnte, Ihr Buch zu bringen. Hätten Sie darin nur Ihre Wienerischen Nostalgien zum Ausdruck gebracht, hätten diese Herren keinen Augenblick gezaudert, da bin ich sicher. Aber sehr wahrscheinlich haben sie wegen der mangelnden Neugier "unserer" Gebildeten für jede rein wissenschaftliche Untersuchung einen Rückzieher gemacht. Der Wissenschaftler in Ihnen hat das Lektorat wohl abgeschreckt... Man muß also einen aufgeschlosseneren Verlag finden. Warten wir den Herbst ab, denn gegenwärtig ruht wegen dieser verfluchten Ferien jede Aktivität. Ich möchte nicht schließen, ohne Ihnen zu sagen, mit welch lebhaftem Interesse ich Ihre Bemerkungen über den Heimatverlust, nein, über die Entwurzelung gelesen habe. Seien Sie für ein so reiches Buch voller so stärkender Enttäuschungen bedankt.

Meine besten Empfehlungen an Ihre Frau. Ich hoffe, sie ist wieder ganz hergestellt.

Mit sehr freundschaftlichen Grüßen

 

 

Paris, den 2. Februar 1980

Lieber Freund,

darf ich es Ihnen gestehen? Ihr Buch hat mir schon auf Englisch gefallen, aber es gefällt mir noch besser auf Deutsch, zumindest im ersten Teil. Die Worte, die Sie in dieser Fassung über Ihre Familie, über Karl Kraus, über die Habsburger gebrauchen, haben eine beschwörende Kraft und einen nostalgischen Akzent, die man in der ersten Fassung zwangsläufig nicht finden konnte.

Ich war bei der neuerlichen Lektüre Ihres Buches über seine so offensichtliche und so allarmierende Aktualität verblüfft. Sie sind Zeuge einer in vieler Hinsicht bewundernswerten Zivilisation gewesen. Die Schäden, die sie zum Verschwinden gebracht haben, sind die gleichen, die wir überall im Westen erkennen. Das Schicksal Wiens, Österreichs allgemein, bedroht uns. Mit Krieg oder ohne Krieg gehören wir zu einer verdammten Welt. Sie wissen das schon lange, schon immer und deshalb wird sich die Zukunft für Sie mit der Wut verbinden, Recht gehabt zu haben.

Meine Empfehlungen an Frau Chargaff.

Mit sehr herzlichen Grüßen

 

 

Paris, den 20. Dezember 1982

 

"...jetzt aber ist ein jeder

sein eigener Damokles."*

 

Lieber Freund,

ich habe gerade diese glänzenden und beunruhigenden "Warnungstafeln"* beendet. Sie prangern darin die Illusionen des Fortschritts, die Blindheit, Naivität, ja Dummheit der modernen Welt, die Verwüstungen der Wissenschaftsgläubigkeit an, und in einem ironischen Ton den Untergang der Ironie, also der Weisheit. Ihre Kampagne ist umso bewundernswerter als sie von einem Wissenschaftler gegen die Mehrheit seiner von ihrem Wissen besessenen Kollegen geführt wird. Diese Herren werden Sie aus Eifersucht auf Ihr Talent schließlich als einen Überläufer, als einen Literaten betrachten, denn unter den Spezialisten wird keiner mehr beneidet und verabscheut als einer von ihnen, der ein echtes Schriftstellertalent hat.

Sie besitzen Formulierungsgabe. Davon findet sich viel in Ihrem Buch, und daher liest man es nicht nur mit Vergnügen, sondern mit Genuß.

Empfehlen Sie mich bitte Frau Chargaff.

Mit meinem Dank, herzlichsten Grüßen und besten Wünschen

 

 

 

AN MIRCEA ELIADE

 

Mircea Eliade, geb. 1907 in Bukarest, gestorben 1986 in Chicago, wo er lange Jahre Professor für Religionsgeschichte war. Bedeutender Mythenforscher, Religionshistoriker, Philosoph und Romanschrifsteller. Weltweit bekanntgeworden durch sein Yogabuch (1936). Kulturattachee in London und Lissabon. Blieb nach dem Krieg im Westen. Zuerst in Paris als Gastprofessor. Seit 1957 in den USA. Er hat außerordentlich viel publiziert. Am bekanntesten seine "Geschichte der Religionen". - Wie sein Jugendfreund Cioran sympathisierte er in den dreißiger und vierziger Jahren mit der äußersten Rechten in Rumänien.

 

Paris, den 13. Dezember 1937

Lieber Mircea,

ich habe das Bedürfnis, Dir auf Deinen Brief sofort zu antworten, denn alles, was ich hier erlebt habe, bestätigt Deine Auffassungen über Rumänien. Doch zuerst will ich Dir über die Kosmologie schreiben. Zuhause war ich so weit zu glauben, daß alle Deine Studien nur verzweifelte Versuche bleiben werden, hier jedoch, nachdem ich nun Deine komplizierte Kosmologie gelesen habe, gab ich mir darüber Rechenschaft, daß Dich eine besinnliche Pause von einigen Jahren zu einer Synthese der Geschichtsphilosophie führen könnte, die alles scheiden und bewerten würde, was Fieber und Geist in Deiner Gelehrsamkeit ist. Außerdem müßten auch wir uns spezialisieren, damit Du (in unseren Augen) nicht so seltsam erscheinst. Du kannst Dir dieses Unbestimmte der Wahrnehmung nicht vorstellen, wenn Du das Buch eines Freundes liest, der uns gegenüber überhaupt kein Entgegenkommen kennt. Gelehrsamkeit in einer Generation von Tunichtguten gibt Dir den Nimbus des großen Einsamen. Wir beide, Tutea und ich, retten uns auf unsere Weise, er durch Genialität und ich durch Trauer.

Seit ich hier bin, habe ich alle, nur einigermaßen wichtigen, politischen Begegnungen besucht. Ich kann nicht behaupten, daß die mich besonders interessieren. Ich möchte jedoch wissen, welches historische Entwicklungsstadium Frankreich erreicht hat, und was bei uns zu tun wäre. Sowohl die Linke als auch die Rechte - doch eher diese - behaupten, Frankreich sei eine Macht zweiter Ordnung geworden, und wenn diese Entwicklung nicht zurückgekurbelt werde, ginge das Land unweigerlich in Richtung einer unaufhaltsamen Dekadenz. Doriot, der beste Kopf der Nationalisten hier, mit Fähigkeiten zum Chef - sagte gerade heute auf einem Meeting, Frankreich erwarte das Schicksal Hollands, sollte es in den nächsten Jahren zu keiner nationalen Revolution fähig sein. Es ist schauerlich, beobachten zu müssen, wie hier inmitten einer großen Prosperität schwärzester Pessimisus die Gemüter beherrscht. Wie viele Begegnungen gibt es doch, wo nur von der Agonie Frankreichs geredet wird.

Rumänien kann sich vor dem Okzident nur durch eine Revolution von rechts behaupten. Mehr denn je habe ich mich davon überzeugt, daß Rumäniens letzte Chance die Eiserne Garde ist. Die Demokratie hat aus Frankreich nichts als eine Gesellschaft und einen Staat, ein Kollektivwesen, aber keine Nation gemacht. Jede Geste, die die Lunte an die Demokratie in Rumänien legt, ist ein kreativer Akt. Diese Nchrichten sind nichts als die Banalitäten eines informierten Mannes. Die neue Generation - als Masse betrachtet - ist dort viel interessanter als hier. Die jungen französischen Nationalisten sind nichts, als ... Cuzisten. Ich würde lügen, wenn es mir einfiele zu sagen, daß mir Frankreich nicht gefällt. Paris gebe ich mich mit Wollust hin, obwohl ich seine dekadenten Lüste nicht goutieren kann. Ich bin extrem arm (1000 fr. im Monat), und es kommt mir gelegen, daß ich auch nach außen zum isolierten Leben verurteilt bin. Komisch, daß Du Paris und auch Baudelaire nie geliebt hast. Dieses ist erklärlich durch unsere unterschiedlichen Temperamente. Jede Art von Trauer ist Solidarität mit Paris. Ich bitte Dich sehr, schick mir den Cuvântul - abonniere mich, denn auch ich möchte etwas schreiben, um dieser Armut zu entgehen. Sânzeana erscheint mir viel zu wolkig und fremd. Ich hätte den Eindruck, an einer astrologischen Zeitschrift mitzuarbeiten - und dann, Du weißt nur allzugut, daß mir Schreiben kein Vergnügen macht. Ich nehme die Feder nur in Augenblicken des Unglücks oder aus Geldnot zur Hand.

Mit der gleichen Liebe für Dich und Nina, Emil Cioran

 

 

(Antibes, 20. Februar 1940: Poststempel)

Lieber Mircea,

 

wenn Du deine Zeit niemals im angenehm unendlichen Nichts verloren hast, kannst Du mich nicht verstehen. Nur in den Wassern des Mittelmeeres läßt sich die Existenz vergessen.

Ich bin an den Grenzen der Nutzlosigkeit angelangt.

 

E.C.

 

 

 

AN NORMAN MANEA

 

Norman Manea , * 1936 in der Bukowina, rumänischer Romancier und Essayist jüdischer Herkunft, kam erst 1985 in den Westen, lebte zuerst in Deutschland, dann in New York. Kam mit fünf Jahren in ein rumänisches Konzentrationslager Antonescus in "Transnistrien". Die Erlebnisse in beiden Diktaturen sind der Stoff seiner Bücher. Sie sind inzwischen in alle Weltsprachen übersetzt: "Roboterbiographie", Erzählungen, dt. 1987; "Fenster zur Arbeiterklasse" dt. 1989; "Der Trenchcoat", dt. 1990; "Der Schwarze Brief", Roman, dt. 1996.

 

Paris, den 18. Oktober 1989

 

Draga Domnule Manea,

danke für Ihren freundlichen Brief. Ich möchte Ihnen sagen, wie gut ich Ihren Artikel über die rumänische Hölle finde. Ich habe dieses unglückliche Land 1937 verlassen, und dies ist mit Abstand der intelligenteste Akt, den ich je vollzogen habe. 1934 hatte ich einen Monat in Paris verbracht. Es war Liebe auf den ersten Blick. Wieder in der Walachei, habe ich alles unternommen, um nach Frankreich zurückzukehren. Da Sie jetzt ähnliche Pläne schmieden, erlaube ich mir, Ihnen einen Vorschlag zu machen: versuchen Sie, das Französische Institut Amerikas regelmäßig zu besuchen (dies habe ich seinerzeit in Bukarest getan...) um ein Jahresstipendium zu bekommen. Der Rest kommt von alleine. Paris ist der ideale Ort, um sein Leben zum Scheitern zu bringen. Dies mache ich seit 51 Jahren mit Erfolg.

Sehr herzlich

 

AN RODITI

 

 

 

Paris, den 25. September 1989

 

Mein lieber Freund,

ich danke Ihnen für Ihren Brief, der wie gerufen kommt. Vor wenigen Tagen wurde ich von dem Text Norman Maneas verblüfft oder vielmehr erschüttert. Es ist das Beste, was ich je über den rumänischen Alptraum gelesen habe. Ich wußte nicht, an wen ich mich wenden sollte, um Einzelheiten über einen so hellen Kopf zu erfahren, der das Glück gehabt hat, diese Wunderdinge aus der Nähe zu erleben. Ich habe Rumänien vor fünfzig Jahren verlassen und interessiere mich vor allem aus Masochismus für meine Herkunft. Wie soll man sich erklären, daß dieses leichtfertigste aller Völker ein solches Schicksal hat? Nirgends auf der Welt hat der Zweifel solche Ausmaße angenommen. Norman Manea hat die Bedeutung dieser lähmenden Klarsicht voll erkannt. Sehr gut, daß Sie ihm meine Adresse gegeben haben.

 

Freundschaftlichste Grüße, auch von Simone

 

 

AN FRITZ J. RADDATZ

 

Fritz J. Raddatz, geb. 1931, Promotion und Habilitation in der DDR, seit 1958 in der Bundesrepublik. Verleger; 1977-1985 Feuilletonchef der "Zeit"; Herausgeber und Essayist. Schrieb Bücher über Marx und Heine. Kuhauge, Erzählung, 1983; Der Wolkentrinker, Roman, 1987; Die Abtreibung , Roman 1991. Der Briefwechsel entstand vor allem aus Anlaß eines Gesprächs, das Fritz J. Raddatz 1986 in der Zeit veröffentlichte.

 

 

(Original Deutsch)

Paris, den 20. Februar 1984

 

Lieber Herr Raddatz,

besten Dank für Ihren Brief und für die zwei Suhrkamptaschenbücher. Ich habe mich auch gefreut über unsere Unterhaltung und, jetzt, als Leser, über die Dialoge, die ein lebendiges Bild der zeitgenössischen Einstellungen und Widersprüche geben. Diese so verschiedenartigen Attitüden - welche Einladung zur Skepsis! Je mehr Meinungen man begegnet, desto weniger scheint es möglich sich für etwas zu entscheiden.

Viel ist gesagt worden in den zwei Bänden. Worüber noch reden? Sie schlagen mir vor unsere Unterhaltung als Interview weiterzuführen. Ihre Erklärungen in Le Nouvel Observateur könnten ein Ausgangspunkt sein. Sie fürchten, daß Deutschland mit Karthago durch und durch wetteifern wird. Warum dann nicht ein Gespräch über diese schöne Aussicht?

Mit herzlichen Grüßen Ihr

 

 

(Original Deutsch)

Paris, den 8. April 1984

 

Lieber Herr Raddatz,

ich habe gerade die Lektüre Ihres Buches beendet. Es sind zwei Dinge, die mich besonders angesprochen haben: die Tonalität (le ton) und die Prägnanz, die Knappheit (der anti-proustianische Zug) in einem Text, der vielleicht mehr Memoiren als Erzählung ist, ein Dokument das die Anhäufung und die Gefahr der Psychologisierung (!) vermeidet.

Das Buch ist besonders objektiv und dadurch ohne den üblichen apokalyptischen Unterton. Als ich es las, konnte ich nicht umhin, als an den heutigen Zustand Deutschlands denken. Man kann sehr gut verstehen, daß Menschen, Kinder besonders, die so etwas erlebt haben, nicht mehr geschichtlich brauchbar sind. Was mir als Leser gefällt, ist der Abstand den Sie haben Ereignissen gegenüber. Das gleiche begegnete mir in Ihrem Heinebuch.

Vielen Dank für beide Bücher.

Mitt herzlichen Grüßen Ihr

 

 

 

Paris, den 8. März 1986

 

Lieber Herr Raddatz,

ich habe mich auf unser Gespräch gefreut. Warum war ich doch nachher irgendwie verlegen? Vielleicht weil Sie zu viel Wert, so scheint mir, auf Ideologie und Politik legen. Was ich davon denke, habe ich in meinem Essay über de Maistre gesagt. Warum gerade über ihn? Weil Baudelaire ihn verehrte. Ich verehre ihn auch als Schriftsteller, nicht aber als Doktrinär. Mein Text über ihn wurde stark von der Rechten angegriffen und von der Linken gepriesen. Sie aber finden in ihm Spuren von "Faschismus", von "Irrationalismus". Das richtige Wort wäre: Zynismus. Um Mißverständnisse zu vermeiden sollte ein Zyniker nie über politische und ideologische Fragen schreiben. Einige scharfe Übertreibungen ausgenommen betrachte ich diesen vor dreißig Jahren verfaßten Text als eine Huldigung an die totale Skepsis, als mein Bekenntnis zur Auswegslosigkeit, als mein Testament insofern ich von der geschichtlichen Existenz infiziert bin. Was mein "Verantwortungsgefühl" betrifft, so kenne ich es nur im täglichen Leben - ich habe eine menschliche Einstellung zum Menschen - nicht aber wenn ich schreibe, dabei ist er für mich sozusagen undenkbar, ich kümmere mich dann nicht um die möglichen Folgen eines Satzes, eines Aphorismus, ich fühle mich von moralischen Kategorien befreit, deswegen soll man auch nicht meine Zustimmungen oderVerneinungen nach diesen Kategorien beurteilen. Zwar habe ich ein intensives, ein krankhaftes Mitleid für alle Wesen, für den Menschen sogar und finde, daß es höchste Zeit ist, daß er verschwindet, damit wir ihm nachtrauern können. Das Mißverständnis zwischen uns kommt daher, daß Sie an die Zukunft, an eine Lösung, an das Mögliche überhaupt glauben, während ich nur etwas Präzises weiß: daß wir alle da sind, nur um uns gegenseitig zu quälen mittels unerschöpflichen Illusionen.

Ich schreibe Ihnen, um das, was wir bei unserer Begegnung angesprochen haben, klarer zu machen.

 

Mit herzlichen Grüßen Ihr

 

Wie verabredet schicken Sie mir doch bitte das Manuskript unseres Gespräches.

 

(handschriftlich:) Ich habe eben Ihr Rosa Luxemburg's Portrait gelesen. Attachant, fesselnd.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

AN DIETER SCHLESAK

 

Dieter Schlesak, geb 1934 in Schäßburg/Siebenbürgen. Lyriker, Romancier und Essayist. Übersiedelte 1969 in den Westen. Lebt in Stuttgart und in Camaiore/Lucca. Lyrik: "Weiße Gegend", l981; "Aufbäumen. Gedichte und ein Essay", 1990 u.a.; Essays und Prosa: "Visa, Ost West Lektionen, l970; "Vaterlandstage und die Kunst des Verschwindens", Roman, 1986. Drei Bände Essays über 1989 und die Folgen.

Seit 1970 Briefwechsel mit Cioran. Vgl. "Sinn und Form" 1/96: "Begegnungen mit E-M. Cioran". Bereitet einen Briefband Cioran bei Suhrkamp vor.

Dieppe, den 21. Oktober 1980

Lieber Dieter Schlesak,

vielen Dank für Ihren so freundschaftlichen Brief und die Nachrichten über Sie und Linde Birk. Verena war begeistert von dem Abend mit Ihnen und auch von der - anscheinend herrlichen - Umgebung, in der Sie leben . Sie haben es richtig gemacht, daß Sie ein zweites Mal emigriert sind. Ich hätte es Ihnen nachmachen sollen anstatt in einer diabolischen Stadt zu versacken, aus der ich zum Glück ab und zu flüchte: Dieppe ist mein Refugium, ein kaltes Refugium, din pácate! Ich fühle mich Rumänien ferner als Sie, ich bin ein înstráinat , zur großen Verzweiflung meiner Freunde dort unten.

Ich habe Fondane in der Tat gut gekannt, denn ich pflegte während der furchtbaren Jahre Umgang mit ihm. Ein äußerst bestechender Geist. Vor zwei Jahren wurde ein ganzes Buch mit Erinnerungen an ihn veröffentlicht. Ich habe dazu einen kleinen Text beigetragen. Drei seiner Werke sind auch neu erschienen. Alles bei Editions Plasma, deren Adresse beiliegt. Ich habe diese neu aufgelegten Werke, von denen eines alle französischen Gedichte enthält, leider nur in einem einzigen Exemplar. Das Schicksal dieses großartigen Mannnes verfolgt mich. Er hat nichts getan, um dem Unheil zu entgehen, das ihn wohl auf geheimnivolle Weise angezogen hat... Gerade heute habe ich aus Madrid einen Artikel über ihn von einem spanischen Freund erhalten. Sie finden darin einige Hinweise und Quellenangaben zu Fondanes Werk. Könnten Sie alle diese Bücher nicht von einem deutschen oder italienischen Verlag anfordern lassen?

Obwohl ich schon lange nicht mehr reise, hat mich seltsamerweise seit ein paar Monaten Sehnsucht nach Italien erfaßt. Sollte sich dieser Wunsch je in ein Projekt und das Projekt in einen Akt umwandeln, werde ich es nicht versäumen, mich bei Ihnen beiden zu melden. Bis dahin meine freundschaftlichsten Grüße

 

 

 

AN MARIANA SORA

 

Mariana Sora, geb. 1917 in Budapest, rumänische Essayistin und Übersetzerin; übersiedelte 1977 aus Bukarest in die Bundesrepublik. Essaybände: "Heinrich Mann", 1966; "Unde si interferente" (Wellen und Interferenzen), 1969; ein Buch über den rumänischen Dichterphilosophen Lucian Blaga (1970); "Cioran, jadis et naguère, Paris 1988; Memoiren 1992, und einen Roman "Rátácire" (Verirrung), 1995 u.a. Übersetzungen aus dem Rumänischen ins Deutsche und aus dem Deutschen ins Rumänische.

 

Paris, den 1. Februar 1979

Liebe Freundin,

Ihr Brief vom Dezember war voller positiver Dinge und ließ erkennen, daß von deutscher Seite das Wesentliche gelöst ist. Bleibt jetzt noch die Kampagne, um den Verrückten zu erweichen. Beraten Sie sich darüber noch einmal mit Imre Toth, ich bin sicher, er wird Ihnen eine große Hilfe sein. Was Ihre Aktivitäten in Deutschland betrifft, wenden Sie sich am besten direkt an die Schriftsteller und Kritiker, sprechen dabei zunächst mal über deren Werke und kommen dann nebenbei auf Ihre eigenen: das ist das klassische, unfehlbare Schema. Meiner Erfahrung nach schafft man die solidesten Beziehungen durch Briefwechsel.

Danke für Sarea pámîntului - ein konzentriertes, schwieriges, gleichzeitig abstraktes und praktisches, stellenweise kaum ins Französische übersetzbares Buch. Die Schwierigkeiten sind gewaltig, und Sie können sie nur durch Bearbeitung, durch unvermeidlichen Halb-Verrat umgehen. Schon merkwürdig, wie gut diese Philosophen rumänisch schreiben. Mihai hat darin genau wie Noica eine erstaunliche Meisterschaft erreicht.

Ich bin von einer Grippe geschwächt, aber ehrlich gesagt weiß ich nicht, ob mein Zustand mehr von der Erschöpfung oder vom Ekel kommt. Sehr wahrscheinlich von beidem. Madame de Sévigné hat vom Alter als von einem "unabwendbaren Punkt" gesprochen, "an den ich wider meinen Willen geschleppt woren bin", sagt sie. An diesem Punkt sind wir nun alle angekommen.

Simone und ich schicken Ihnen freundschaftliche Grüße und die besten Wünsche.

 

 

Paris, den 2.Mai 1979

Liebe Mariana,

die Eliades sind noch nicht da. Sie kommen wohl um den 15. Mai. 4, Place Charles Dullin ist tatsächlich Ihre Adresse.

Die Nachrichten über Sie selbst klingen nicht allzu schlecht. Hauptsache, Sie bereuen nicht, den Rubicon überschritten zu haben. Ich weiß nicht, ob ich an Ihrer Stelle diesen Mut gehabt hätte.

Seit über drei Wochen habe ich mein Zimmer nur zweimal verlassen. Wahrscheinlich eine verschleppte Grippe. Die Maschine ist ruiniert, das wußte ich, aber daß es so schlimm ist, wußte ich doch nicht.

Eugène und Rodica sind gerade nach Kalifornien abgereist. Auch sie sind mutig. Marie-France, in Hochform, hat sich über ihre Einsamkeit in Turin beklagt (sie war an Ostern hier). Die Ihre in München ist also, wie Sie sehen, nichts besonderes. Überall die gleichen Unmöglichkeiten.

Mit unseren sehr herzlichen Grüßen

 

Paris, den 6. Juni 1979

Liebe Mariana,

Eliade ist angekommen, ich habe ihm gesagt, daß Sie darauf brennen, wieder Kontakt mit ihm aufzunehmen und ihm wohl das Buch von Mihai zu schicken. Für alle Fälle hier noch einmal seine Adresse: 4, rue Charles Dullin, 75018 Paris. - er ist in Hochform und sehr zufrieden, nicht ohne Grund, da seine Verdienste als Schriftsteller endlich anerkannt werden.

Eugène ist noch nicht zurück. Ich glaube nicht, daß er sich dort zu unpassenden Erklärungen hinreißen lassen wird, die den großen Kampf, den Sie führen, gefährden könnten. Ich habe ihm immer zur Mäßigung geraten - leider ohne Erfolg! Im vorliegenden Fall ist das Beste, was ich tun kann, ihm von Ihren Befürchtungen nur andeutungsweise zu sprechen, denn er tut gern das genaue Gegenteil von dem, was man ihm rät. Außerdem, warum sollte er Rumänien angreifen, das gegenwärtig eine so klägliche Figur abgibt. Das Nichts prangert man nicht an. Neben Polen ist die Walachei nicht einmal der Verachtung wert. Nebenbei bemerkt, hat der Papst vergessen, die Unierten Siebenbürgens zu erwähnen. Er hat die ganze Welt gegrüßt, sogar die bulgarischen Katholiken. Aber kein Wort über die von diesen orthodoxen Idioten profanierte Kirche. Ein zweitrangiger Unsegen hängt über diesem Land. Verständlich, daß man sich von ihm losreißen will.

Tausend Grüße

 

 

Paris, den 12. Juni 1979

 

Liebe Mariana,

ich kenne V.H. nicht. Ich bin ihm weder in Rumänien noch hier begegnet. Mein Grund zur Klage ihm gegenüber ist sehr einfach: ich werfe ihm vor, seinen Jugendentscheidungen treu geblieben zu sein. Wenn Geschichte zu etwas gut sein soll, dann, glaube ich, dazu, unsere Illusionen und unsere vorschnelle Begeisterung aufzuheben. Leider gibt es Leute, die nicht verstehen können - oder wollen. Wer hat Ihnen nur erzählt, daß V.H. mein Freund ist. Ich glaube mit gutem Grund, daß er mich nicht riechen kann. Unter diesen Umständen hätte es gar keinen Sinn, bei ihm einen Vorstoß zu machen. Übrigens habe ich ehrlich gesagt, große Zweifel, daß eine spanische Intervention bei Idi Amin wirkungsvoll oder auch nur vernünftig ist. Warum sollte Spanien gegen den Verrückten angehen, nachdem Ihr Sohn ein deutsches Visum beantragt hat? Vermeiden Sie in Ihrem Kampf soweit wie möglich die Verzettelung und die... Rumänen.

Zwei Grippen in drei Monaten sind etwas zuviel. Es geht mir aber doch besser. Bis jetzt noch keine Nachrichten aus Kalifornien. Ganz schön mutig von Eugène! In seinem Alter Kurse zu halten, übers Theater zu reden! Ein Werk ist im Grunde nur eine Form von Sklaverei.

Es tut mir wirklich leid, Ihnen nichts Positives mitteilen zu können. Aber ich glaube, im vorliegenden Falle sollte einen dies nicht betrüben, denn der Vorstoß war von vornherein zum Scheitern verurteilt.

 

Tausend Grüße

 

 

Paris, den 29. September 1987

 

Liebe Mariana,

um es Ihnen gleich zu sagen: Ihr Artikel, nein, Ihr Essay ist erstklassig. Dies ist kein Kommentar, dies ist eine Meditation, die mein wirres Gerede durch Ordnen zu einem Statut erhebt, ja ihm unerwartete Strenge verleiht. Ihre Bemerkungen über die Hellsichtigkeit, über das, was sie für mich bedeutet, haben mich verblüfft. Ich weiß nicht, was für ein Verhältnis ich zur Hellsichtigkeit habe, aber Sie zeigen sehr gut, daß meine Einstellung nicht genau definiert werden kann. Dieser Widerspruch gilt übrigens für alles, was mit dem inneren Leben zu tun hat, insbesondere für die religiöse Erfahrung. Daher werde ich Ihnen auch nicht vorhalten, in meinem Kult der gefallenen Engel auf eine schon Byron'sche "componentá romanticá" hingewiesen zu haben.

Ich bin froh, daß Sie die Kontinuität meiner Obsessionen betont haben und gleichzeitig dankbar für die Klarstellung, daß ich mich in einem Punkt, nämlich der "nationalen Megalomanie" radikal verändert habe. Davon bin ich allerdings für immer geheilt, und dies schon seit über einem halben Jahrhundert.

Und nun etwas im Vertrauen, vielmehr eine Bilanz: ich habe überhaupt keine Lust mehr, mich auseinanderzusetzen, mich zu äußern. Wozu weitermachen? Meine Verneinungen haben mich erledigt. Man kann nicht "produzieren", wenn man in sich selber die Leere spürt, die man überall angeprangert hat, denn arbeiten setzt eine Komplizenschaft mit der Illusion voraus. Es ist höchste Zeit, daß ich die Konsequenzen aus all dem Schlechten ziehe, das ich über alles gedacht habe.

Ich bedauere, mit dem Bekenntnis eines Rückzugs zu enden, aber Ihre so blendende Exegese zwingt mich zu dieser extremen Offenheit.

Wir haben Sehnsucht nach Ihnen. Wann sehen wir Sie wieder hier?

Einstweilen danke ich Ihnen von ganzem Herzen.

 

 

 

Paris, den 24. Februar 1989

 

Liebe Mariana,

ich bin das Gegenteil eines Weisen, aber ich habe Anfälle von Weisheit. In einer solchen Verfassung befand ich mich gerade, als ich Ihren von berechtigter Entrüstung durchdrungenen Brief erhielt. Wozu soll man sich wegen eines Mißverständnisses oder einer Intrige schlagen? Man kann machen, was man will, sobald man sich äußert, wird man verwundbar.

Lange Zeit habe ich mich in meinen Augenblicken der Wut ins Bett gelegt und die Decke über den Kopf gezogen. Nach zwei oder drei Stunden war ich meiner Wut Herr geworden. Liegt es am Alter? an der Skepsis? ich habe diese Therapie zu meinem großen Bedauern aufgegeben.

Mit Ausnahme einer kurzen, von einer Unbekannten verfaßten Unverschämtheit sind die Urteile über Ihren Essay sehr positiv gewesen. Meine Freunde jedenfalls haben begeistert darüber gesprochen.

Sehr herzlich

 

 

Ich hoffe, wir sehen Sie bald in Paris, wo zum Glück keiner das rumänische Radio hört.

Ich umarme Sie, Simone

 

 

 

AN SIMON TIMARU

 

Fünf Postkarten an Simon Timaru (geb.1910 in Ocna Sibiului,) sind erhalten. Ausnahmsweise schrieb Cioran vier auf Rumänisch, eine Seltenheit.

Timaru, Oberbuchhalter einer Finanzbehörde, war der Meisterorganisator von Festen und Ausflügen des Freundeskreises in die Dörfer der Umgebung, in die Karpten, ins Kloster Cozia in den Südkarpaten, dem Cioran in seiner Hermannstadter Jugend in den dreißiger Jahren angehörte. Hier zeigt sich von neuem Ciorans Vorliebe für gescheiterte Existenzen und Bohemiens. Zu ihnen gehörte Mircea Zapratan, eine markante Figur der Klausenburger Studentenschaft, dann der legendäre Ghitá Vácaru, der "müde Prinz", Dandy und Kavallerieoffizier, Ion Tatu, "Ionelul mumii" (Mutters Hänschen) Lehrersohn aus einem siebenbürgischen Dorf.

 

Paris, den 10. September 1974

Lieber Freund,

ich danke Dir für die Ansichtskarte. Es ist eine Ewigkeit her, daß ich nicht mehr in Cozia war. Mit Bucur korrespondiere ich, doch von Zapratan weiß ich seit langem, das er nicht mehr ist. Was ist mit Ghitá Vácaru geschehen? Er war einer der sympathischsten Menschen, die ich in meinem Leben kennengelernt habe. Schreib mir bitte, wann und wie er umgekommen ist. Ich habe Deine Adresse nicht gut entziffern können.

 

In alter Freundschaft

 

Paris, den 22. September 1974

Lieber Freund,

ich danke Dir für den Brief. Die Details über Ghitá Vácaru haben mich aufgewühlt. Welch ein grausames Schicksal! Niemals hätte ich mir vorstellen können, daß er in solch einen Zustand der Trunksucht und des Elends geraten könnte: Er war ein außerordentlich sympathischer Mann. Wie schade! Ich erinnere mich an unsere Ausflüge in die Karpaten. Ein Menschenleben ist seither vergangen. Ich weiß nicht, ob ich jene Orte, die ich einmal so geliebt habe, jemals wiedersehen werde. Ich sehe, auch unsere Sprache beherrsche ich nicht mehr. Ich hoffe, daß Dein Sohn eine große Karriere machen wird. Er kann sich an den Kritiker George Bálan, str. Trandafirilor 4, Sinaia, wenden, und sich auf mich berufen. Dieser könnte ihm vielleicht helfen. Jedenfalls glaube ich das.

Ich danke Dir nochmals.

Mit den freundschaftlichsten Grüßen

 

 

Paris, den 3. Dezember 1974

Lieber Freund,

ich habe Deinen Brief vom 16.10. erst heute erhalten! 40 Tage Streik. Kein Kommentar. Danke für die Fotos. Das von Ghità mit seinem Ausdruck eines müden Prinzen hat mich besonders ergriffen. Auf dem von "Bâlea" habe ich nach so vielen Jahren zu meiner Zufriedenheit alle wiedererkannt. Nicolae Adam liegt also im "Todesschlaf". Ich mochte ihn gern und habe mich sehr gut mit ihm verstanden. Ich kann mich erinnern, daß er mit unserem Französisch-Lehrer Mastre englisch redete. - Ich beneide Dich darum, daß Du nach Pàltinis gehen kannst; das ist ein Ort, nach dem ich Heimweh habe. Werde ich ihn je wiedersehen? - Mit Bubu Albu habe ich von 1920 bis 1924 in einer deutschen Pension zusammengewohnt, Str. Mácelarilor. Wie lang das alles her ist! Nochmals Dank.

Cu prietenesti salutári

 

 

AN DIE TOCHTER VON MIRCEA VULCANESCU

 

Mircea Vulcanescu (1904-1952), rumänischer Philosoph und Soziologe von großem Einfluß in den dreißiger Jahren in Bukarest. Nach 1937 hat er sich vor allem um eine Definition des "Rumänischen" bemüht: "Der rumänische Mensch", "Die dakische Verführung", "Die konkrete Existenz in der rumänischen Metaphysik", "Die rumänische Dimension der Existenz", was Cioran später zum Widerspruch reizte. Zwischen 1941-44 Staatssekretär in Antonescus Regierung, verurteilt nach 1945 zu acht Jahren schwerem Kerker, wo er auch starb.

 

Paris, den 20. Januar 1968

Liebe Frau Vulcanescu,

in den Chassidischen Erzählungen heißt es über Baal-Shem-Tov: "Als alle Seelen in Adam waren, entfloh, als dieser sich dem Baum der Weisheit näherte, die Seele Baal-Shem-Tovs und aß so nicht von den Früchten des Baumes."

Je mehr ich an Ihren Vater denke, desto mehr erscheint es mir, daß auch er eine schwindelerregende Ausnahme war, daß auch er sich durch irgendein Wunder unserem gemeinsamen Fluch entzogen hat. Es mag unsinnig wirken, von einem wahrhaft universellen Geist zu behaupten, daß er nicht von der verfluchten Frucht gegessen hatte. Dennoch muß es wahr sein, denn sein gewaltiges Wissen war mit einer Reinheit gepaart, wie sie mir vergleichbar noch nie begegnet ist. Die Erbsünde, offenbar in uns allen, ist bei ihm nicht sichtbar, bei ihm, der so gut im Fleisch war und in dem sich, wunderbares Paradox, der Entflohene aus einer Ikone verbarg. Ob er über Finanzen oder Theologie sprach, ging von ihm eine Kraft und ein Leuchten aus, das ich nicht zu definieren vermag. Ich möchte aus Ihrem Vater keinen Heiligen machen, aber in gewisser Weise war er es. Denken Sie nur, daß er, der von Autoren umgeben war, niemals danach gestrebt hat, selber einer zu sein, daß der Wille, einen Namen zu haben, für ihn unbegreiflich war, daß er keinen Augenblick vom Ruhm verlockt war, jener Versuchung des gefallenen Menschen, die in allen Sterblichen nagt, außer in ein paar Versprengten, die an den Grenzen des Geistes die Unschuld wiedergefunden haben. Ich glaube, daß er nie von dem schädlichen Gedanken gestreift worden ist, ein Unverstandener zu sein; er war auf keinen eifersüchtig und haßte niemanden: schon dem Gedanken abhold, sich zur Geltung zu bringen, bemühte er sich nicht, zu sein, er war. Als ich ihm eines Tages in einem Wutanfall gegen das, was ich damals "unser heimatliches Nichts" nannte, sagte, daß wir unfähig gewesen seien, auch nur einen Heiligen hervorzubringen, erwiderte er mit seiner gewohnten Liebenswürdigkeit, die diesmal eine gewisse Heftigkeit verriet: "Sie hätten jene Alte sehen sollen, die ich in einem verlorenen Dorf kennengelernt habe und die durch all ihr Zubodenwerfen und Beten auf dem Boden ihrer Hütte Spuren hinterlassen hatte. Die wahre Heiligkeit muß sich nicht zeigen und anerkannt werden."

Wir waren praktisch nie einig über die unserem Land zugefallene Rolle, dem es mir aus Masochismus oder Gott weiß warum gefiel, kein Verdienst und keine Chance zuzuerkennen. Für mich war die wesentliche Gegebenheit, das rumänische Konzept par excellence das des Unglücks. Ich spielte bei jeder Gelegenheit mit einer Beharrlichkeit darauf an, für die mir Ihr Vater nicht dankbar sein konnte. Ich versuchte es noch einmal in einem Brief, dem letzten, den ich ihm schrieb, um ihm für eine Studie zu danken, die er mir gewidmet hatte und wo er eine Reihe von einheimischen Redewendungen voller Sinn und Weisheit zitierte, dabei aber, wie ich ihm sagte, die wichtigste, die aufschlußreichste ausgelassen hatte: "N'a fost sa fie" - in der ich das Resumé, die Formel, das Emblem unseres Schicksals sah. Mit dem Abstand von heute bin ich nicht mehr so sicher, in diesem Streit, in dem sich unsere Thesen gegenüberstanden, recht gehabt zu haben. Wegen der historischen Bedeutungslosigkeit seines Landes Qualen zu leiden, ist eine Schwäche des Literaten, ein Laster des Schreiberlings. Mircea Vulcánescu, der solchen Schwächen in keiner Weise ausgesetzt war, schätzte nur die inneren Werte: ob sein Land oder er selber in den Augen der andern existierte oder nicht, zählte für ihn kaum. Und weil er diesem falschen Stolz so fern stand, werden Sie leicht verstehen, warum ich ihn zu keiner Zeit bitter oder verkrampft gesehen habe. Da er jeden Augenblick vollkommen lebte, wurde alles, worüber er sprach, zu einem Universum. Seine außergewöhnliche Vitalität verklärte Probleme wie Landschaften. Ich habe oft den Park von Versailles besucht, aber wirklich gesehen habe ich ihn nur einmal, auf definitive, unvergeßliche Weise vor dem Krieg, als Ihr Vater uns, Wendy und Dinu Noica und mir, erklärte, daß der Garten, den wir von der Terrasse herab betrachteten, wie eine Monade konzipiert war, eine paradoxerweise mit einem Fenster ausgestattete Monade, einem einzigen, jenem Zwischenraum, den man am Ende zwischen zwei Pappeln entdeckt, der aus diesem geschlossenen Raum ins Unendliche führt. Mit gelehrtem Überschwang offenbarte er uns diese vollkommene Welt, die aber dennoch von einem metaphysischen Einbruch gezeichnet war. Er entwickelte uns, hätte man sagen können, die Theorie des Paradieses, das sich seinem Gedächtnis, das lebendiger war, als alle anderen, gewiß deutlicher eingeprägt hatte. Nach irgendeiner Seite, da war ich sicher, entkam er uns immer; das war es, was ich an ihm liebte. Unmöglich, ihn festzulegen, zu behaupten, er sei dies oder jenes. Philosoph war er, gar kein Zweifel. Gleichzeitig war er aber etwas viel Besseres als ein Philosoph. Er war auf wunderbare Weise irgendetwas. Es gibt kein Thema, das er nicht mit Eifer und Gründlichkeit behandelt hätte. Wie groß war mein Erstaunen, als er mir eines Tages mitteilte, daß er gerade für ich weiß nicht welche Enzyklopädie einen langen und ausführlichen Beitrag über den Ersten Weltkrieg geschrieben habe! Er hatte sich monatelang damit beschäftigt, ohne das Gefühl, damit Zeit verloren zu haben oder sich einem äußerlichen, einem seiner unwürdigen Bereich zugewandt zu haben. Er ließ sich nie zu einem Bedauern herab, dies schien mir sein Geheimnis, ein Geheimnis, das ich ihm, ich gestehe es, am liebsten entrissen hätte. "Die unbestimmte Weigerung, irgendetwas zu sein", nein, diese Devise Valérys hätte er nicht unterschrieben; die seine wäre eher gewesen: "Das unbestimmte Aufsichnehmen, irgendetwas zu sein, alles zu sein", das Aufsichnehmen oder, wenn Sie wollen, die Freude. Ich kann mir Ihren Vater in der Verzweiflung nicht vorstellen. Andererseits erscheint es mir schwer, zu glauben, daß er deren Qualen nicht gekannt hat. Er, der so offen, so bereit war, alles zu verstehen, war doch von Natur aus nicht dazu bestimmt, sich die Hölle vorzustellen und erst recht nicht, in sie hinabzusteigen. Es liegt mir am Herzen, Ihnen zu sagen, daß von all den Geistern, die ich geliebt und

bewundert habe, keiner eine so stärkende Erinnerung in mir zurückgelassen hat, wie Ihr Vater: ich brauche mir nur sein durch seine Klarheit erschütterndes Bild zurückzurufen, um plötzlich einen Sinn in der Unsinnigkeit des Daseins zu finden und mich mit dem Hinieden zu versöhnen.

 

 

AN OCTAVIAN VUIA

 

Octavian Vuia, geboren 1914 in Budapest., gestorben 1989 in Freiburg. Lebte und studierte in Cluj/Siebenbürgen. Philosophieprofessor. Schrieb über die Vorsokratiker ("Remontée aux sources de la pensée occidentale" 1961), Nietzsche und Heidegger. Arbeiten über rumänisches Denken. Seit 1937 im Westen: Berlin und Freiburg. Dann Paris. Wie Cioran Stipendiat (lnstitut Francais du Bucarest")) in Paris und Humboldt-Stipendiat. Freundschaft seither und Briefwechsel seit 1957. 1957 bis 1980 Chefredakteur und Direktor der rumänischen Sendung von "Radio Free Europe" in München.

 

 

Paris, den 17. Oktober 1961

Mein lieber Vuia,

danke für die Zusendung Deines Buches, das ich mit größtem Interesse gelesen habe. Ein Skythe mußte sich notwendigerweise über diese Griechen beugen und sie besser spüren als ein Abendländer. (Das hat Nenea immer schon gemeint, zurecht, wie mir scheint. Als Max diese These in Berlin gegenüber Sorin Pavel und Tutea vertrat, war ich nicht mit ihm einverstanden. Seither habe ich mich weiterentwickelt.)

Ich hätte einen kleinen Vorbehalt zu machen: nämlich zu l'étant (das Seiende). Ich weiß wohl, daß das Wort in die philosophische Terminologie eingegangen ist und daß alle Welt es benützt. Trotzdem finde ich es häßlich und "ungenießbar". L'être (das Sein) ist allerdings auch nicht viel besser. Die Metaphysik hat auf französisch etwas, wie soll ich sagen? Unelegantes...

Was machst Du? Wir haben uns eine Ewigkeit nicht gesehen. In gewisser Weise beneide ich Dich darum, in München zu leben, das neben Hermannstadt/Sibiu und Dresden zu meinen glücklichen Erinnerungen zählt. Gibt es den Englischen Garten noch? Dort habe ich vor 26 Jahren Proust gelesen! Alle unsere Freunde waren noch auf der Welt, während jetzt...

Die herzlichsten Grüße an Dich und Deine Frau

 

 

Paris, den 17. Januar 1967

Mein lieber Vuia,

La multi ani! Tatsache ist, daß die Jahre vergehen und wir uns auf der anderen Seite des Seins befinden. (Dieses Sein ist praktisch: man kann es bei jedem Anlaß, sei er groß oder klein, benutzen. Was amicul Heidegger mit seltenem Geschick getan hat.)

Précis ist auf Deutsch unter dem Titel Lehre vom Zerfall bei Rowohlt erschienen. Die Übersetzung ist nicht gerade tadellos. So wird auf der ersten Seite Pyrrhon zu Pyrrhus, wodurch alles verfälscht wird. - Histoire et Utopie ist vor zwei Jahren bei Klett (Stuttgart) unter dem Titel Geschichte und Utopie erschienen.

Ich werde Dir La Tentation d'exister, Le Précis und, vielleicht, Syllogismes de l'amertume schicken.

Meines Wissens gibt es keine wirklich ernsthafte umfassende Untersuchung über die Moralisten. Man muß bei den Kritikern nachlesen (Sainte-Beuve zum Beispiel). Über La Rochefoucauld, unser aller Meister, hat J. Starobinski einen langen Artikel in der Nouvelle Revue Francaise (Juli-August-Nummer) 1966 veröffentlicht. Hervorragend.

Fast alle Moralisten sind im Taschenbuch erschienen. Für die älteren Ausgaben ist immer noch Garnier maßgebend. Vor dem Krieg sind die französischen Moralisten, wenn ich nicht irre, mit paralleler deutscher Übersetzung veröffentlicht worden. Das war eine Auswahll, die, glaube ich, in Deutschland erschienen ist (bei Insel, aber ich bin nicht sicher).

Ich weiß gar nichts über eine eventuelle Ernennung Ionescos zum Berater am Münchner Theater. Er hätte mir davon erzählt. Aber möglich ist alles.

Alle guten Wünsche Dir und Deiner Frau

 

 

Paris, den 25. März 1969

Mein lieber Vuia,

ich war, glaube ich, einer der ersten, der Heidegger in Rumänien gelesen hat, zuerst im Brukenthalmuseum, dann in Bukarest. Er hat für den jungen Mann, der ich damals war, zweifellos etwas bedeutet, aber je weiter ich mich dann von der Philosophie entfernte, desto ferner rückte, wie ich dann feststellte, auch er mir. Und ich muß sagen, daß ich mich dazu fast beglückwünsche. Zu recht oder zu unrecht verabscheue ich die Leute über die man redet. Und man spricht in allen Ländern, auf allen Breitengraden nur über Heidegger. Man kann keine Zeitschrift aufschlagen, gleichgültig, woher sie kommt, ohne nicht - mindestens! - auf einen Artikel über ihn zu stoßen. Gerade gestern habe ich das neueste Heft einer südamerikanischen Zeitschrift erhalten: die ganze Nummer ist ihm gewidmet. Über das, was sich in Paris abspielt, rede ich erst gar nicht, wo auch der unbelesenste Dichter oder Romanautor glaubt, sich mit Schande zu bedecken, wenn er den Meister nicht zitiert. Wozu da die Reihe der Beweihräucherer noch verlängern? Er hat das bestimmt nicht nötig, ich glaube sogar, daß ein wenig Vergessen ihm sehr gut täte.Ihm geht es derzeit so, wie einst Rilke: wie dieser wird er unter dem Gewicht seines Ruhmes zusammenbrechen. Was ich Dir zum Vorwurf mache, ist Dein Mangel an Donquichottismus: Du willst einem Gerechtigkeit widerfahren lassen, vor dem sich alle verneigen! Wäre es da nicht besser gewesen, eine Sondernummer über Meister Eckhart oder über Soloview zu machen.

Ich hoffe sehr, daß Du mir nicht übelnimmst, Dir den Kern meiner Einstellung zu einem Unternehmen dargelegt zu haben, dessen Dringlichkeit ich nicht sehe. Wir kennen uns schon so lange, daß ich meine, wir können uns grundlegende Meinungsverschiedenheiten erlauben, da unsere Freundschaft selbstverständlich über solche Zwischenfälle hinausgeht.

 

 

Paris, den 28. September 1973

Mein lieber Vuia,

Deine Untersuchung über die Kondition der Kirchen bei uns könnte von einem Engländer geschrieben sein. So objektiv und in gleichgültigem Ton ist sie geschrieben. Das gegen die Unierten begangene Verbrechen ist aber so groß, daß man darüber, meine ich, nicht ohne Heftigkeit sprechen sollte. Ich weiß wohl, daß Du Dich an die Angelsachsen wendest und daß es mehr darum geht, sie zu überzeugen als sie aufzuwühlen.

Nicht weniger ernsthaft ist die andere Untersuchung über Europa. Wie sehr ich bedaure, Deine Hoffnungen nicht teilen zu können! Ich glaube, daß Rußland es sich nicht nehmen lassen wird, jenen Teil der Welt zu beherrschen. Praktisch beherrscht sie ihn bereits. Meines Wissens hat, zumindest bis jetzt, noch keine Föderation dem Expansionswillen eines Imperiums standhalten können. Wenn es China nicht gäbe, wäre unser Schicksal bereits besiegelt. Und es muß gesagt werden, daß dieser Westen seine Zukunft verdient. Was soll man von diesen Ländern halten, wo keiner mehr mit seinen Händen arbeiten will? Dabei verteidigt man sich doch mit seinen Händen. Die Gastarbeiter* werden gewiß nicht dafür kämpfen, ihre Arbeitgeber zu beschützen. Kann man sich vorstellen, daß sich Türken töten lassen, um schwache überzivilisierte Christen zu retten? Was für ein Zeichen, daß sich Berlin zu einer ottomanischen Stadt entwickelt! Geschichte und Apokalypse sind synonyme Begriffe.

Danke und tausend Grüße

 

 

Paris,den 8. Juni 1977

Mein lieber Vuia,

Heidegger ist auf Rumänisch geheimnisvoller als auf Deutsch. Diese zivilisierten Sprachen sind abgenutzt und können nichts mehr ausdrücken. Die Worte haben zu oft gedient, während die unseren...

Gut, daß Du Dich dort unten niedergelassen hast. Hier lassen sich nur noch die Naiven von der Zukunft faszinieren. Leider sind sie Legion.

Grüße

 

 

Paris, den 27. Januar 1979

danke für Deine Karte aus Sils-Maria, wo Nietzsche im Sommer ich weiß nicht welchen Jahres mit Hélène Vacaresco (!) spazierenging... Die Sache stimmt leider, sie erzählt Details in ihren Erinnerungen. Zum Glück war er nicht auf die Idee gekommen, sie zu heiraten, denn man kann sich doch kaum vorstellen, daß er in der Gegend von Pitesti Zarathustra geschrieben hätte.

Grüße

 

 

(Ohne Ort und Datum)

Mein lieber Vuia,

welch eine gute Nachricht ist Deine Ernennung. Meinen herzlichsten Glückwunsch. Könntest Du mich nicht als Assistenten gebrauchen. Ich könnte über jedes nicht-philosophische Thema plaudern. Vielleicht müssen wir warten, bis Du Ordinarius* wirst. München reizt mich ehrlich gesagt nicht mehr. Drei Städte haben in meinem Leben gezählt: Paris, Dresden, Sibiu. Paris bin ich leid, Dresden existiert nicht mehr. Bleibt nur noch Sibiu!

Meine Gratulation für die Frau Professor*.

La multi ani.

Si sa fie într'un ceas bun, numirea ta.

 

(Ohne Ort und Datum)

ich habe kürzlich einem spanischen Journalisten erklärt, daß ich magyarischer Herkunft sei. Ich habe immer größere Lust, die Abstammung zu wechseln. Ohne Anfälle von Grössenwahn* ist das Leben unerträglich.

 

 

 

La multi ani

Paris, den 31. Juli 198??

 

Mein lieber Vuia,

alle Unfälle sind dumm, vor allem in unserem Alter. Neulich bin ich rückwärts auf die Bordsteinkante gefallen, ich habe mir den Daumen gebrochen, aber es hätte schlimmer ausgehen können. In "Sein und Zeit"* ist von der "Zeitigung der Zeitlichkeit der Zeit"* die Rede, aber nicht von diesen sinnlosen* Unglücksfällen, die uns treffen. Die Literatur ist wahrer als die Philosophie, und ich verstehe vollkommen, daß es Dich mehr reizt, ein Stück zu schreiben, als einen Traktat. Ich würde Dir raten, an Baciu zu schreiben und Dein Manuskript zurückzuverlangen. Vielleicht hat er es noch nicht gelesen. - Anfang Juni war ich in Tübingen, wo ich zwei Stunden lang den Kasper gespielt habe ... auf Deutsch! Fürs erste habe ich keine Lust, woanders nochmals Komödie zu spielen.

Seht zu, daß Ihr Euch alle beide so schnell wie möglich erholt.

Tausend Grüße

 

 

(An Frau Ortrud Vuia. Im Original deutsch)

 

Paris, den 15. Dezember 1989

 

Liebe Frau Vuia,

Ich habe seit lange nichts mehr von Octavian gehört, und ich habe mir gedacht, dass er die Vorteile des Ruhestandes geniesst. Jetzt sehe ich, daß sein langes Schweigen eine schreckliche Prüfung war.

Mit wenigen Freunden habe ich so viel gelacht, wie mit ihm während seines Aufenthaltes in Paris. Beide Siebenbürger, verstanden wir uns sehr gut. Er war illusionslos, aber nie bitter. Selten habe ich ein so distinguiertes Wesen getroffen.

In Anfällen von Verzweiflung, vergessen Sie nicht, daß Sie die Chance gehabt haben, mit einem edlen Mnschen gelebt zu haben.

Ich denke herzlich an Sie

 

 

 

AN WOLF VON AICHELBURG

Wolf von Aichelburg, Schriftsteller und Komponist, 1912 - 1994. Wahlsiebenbürger. Übersetzer bei der rumänischen "Pressedirektion" 1940-44; wurde zweimal eingekerkert: 1948 - 1952, und dann im "deutschen Schriftstellerprozeß" (1959). 1964 begnadigt. Schrieb vor allem Lyrik: "Herbergen im Wind" (1969), "Lyrik, Dramen, Prosa", 1971 "Vergessener Gast", "Aller Ufer Widerschein". 1977 Übersiedlung in die Bundesrepublik. Ab 1970 Briefwechsel mit Cioran, den er seit der Vorkriegszeit kannte.

 

Paris, den 16. Juni 1970

Lieber Freund,

ich danke Ihnen für den zugeschickten Hölderlin, der, ohne die üblichen "philosophischen" Abschweifungen, die die gegenwärtige Kritik so schwerfällig machen. sehr dicht ist und zur Sache spricht, Der Vergleich mit Keats und Shelley erscheint mir absolut gerechtfertigt. Ich schätze die englische Poesie sehr hoch ein. Neben ihr erscheint mir das französische Gedicht (mit Ausnahme Rimbauds) fast banal. - Es ist sehr schade, daß Sie noch nicht wissen, worauf Sie sich in Zukunft verlassen können. Unsere Landsleute*, sind in solch gesteigertem Maß unberechenbar, daß Sie sicher recht tun, für sie nur ein beißendes Wort übrig zu haben. Welch ein Jammer, Wut packt mich, wenn ich an meine Herkunft denke! Die bewegt sich zwischen Fluch und Mahala!

In Freundschaft

 

Paris, den 29 August 1970

Mein lieber Aichelburg,

danke Ihnen für den Brief und die Ansichtskarte. Ich habe vor etwa zehn Tagen mit jemandem, der Sie gut kennt (er stammt aus Schäßburg, wenn ich mich nicht irre) über jene Aussichten gesprochen, von denen Sie in Ihrer Ansichtskarte schrieben ; und er meinte, Sie hätten Chancen.

Sie haben mir nicht geschrieben, ob Sie englisch lesen. Wenn ja, könnte ich Ihnen Londoner Zeitungen zuschicken. Was mich betrifft, lese ich aus verständlichen Gründen sehr selten die hiesige Presse. Manchmal muß ich daran denken, wie schlecht ich inspiriert war, mich in einem Land niederzulassen, das in so vieler Hinsicht dem mioritischen Raum ähnelt. Die Engländer sind da ganz andere Leute: sie sind geniale Sachsen.

In Freundschaft

Paris, den 20. November 1970

Lieber Freund,

danke für die beiden Postkarten. Ich bin neugierig, Ihre Meinung über das Land unserer Nachbarn aus dem Norden zu erfahren. Ich habe hier Hunderte von ihnen kennengelernt; einige erschienen mir außergewöhnlich, andere unmöglich. Ich zweifle keinen Augenblick daran, daß sie gewisse psychologische oder besser moralische Affinitäten mit den Preußen haben. Die gleiche Hochnäsigkeit, der gleiche Mangel an diplomatischem Takt, doch auch die gleiche rührende Naivität unter dem Mantel ihrer Schwerfälligkeit und Frechheit. Die Frauen haben das gleiche Lachen wie die Berlinerinnen, doch sind darüber hinaus noch üppig und klebrig.

Sie haben mir nie Gedichte von Ihnen geschickt. Ich würde mich freuen, sie lesen zu können. Dieter hat mir geschrieben, er wolle versuchen, etwas zu tun. Irgendeine Einladung.

Krakau muß eine außerordentlich schöne Stadt sein. Und jetzt eine frivole Frage: wie hieß Ihre frühere Straße in Hermannstadt? Zu meiner Zeit hat sie ganz sicher einen andern Namen gehabt. Diese meine Anhänglichkeit an diese Stadt ist absolut seltsam, während doch das übrige Land mir völlig gleichgültig geworden ist.

 

In Freundschaft

 

 

 

Paris, den 30 Dezember 1972

Lieber Freund,

vergessen Sie nicht, mir Ihren "Sammelband"* zu schicken. Schicken Sie ihn auch an Kraus, den ich ein einziges Mal gesehen habe, aber er ist eine Seele von Mensch, lieb und hilfsbereit. Schreiben Sie ihm an seine private Adresse: Berggasse 6, IX Wien. Er hat eben ein Buch über die Gegenwartsrevolution veröffentlicht. Im allgemeinen bin ich mit ihm einer Meinung. Mit fortschreitendem Alter fühle ich mich mehr und mehr als Österreicher. Vergangenes Jahr hat mich die Tochter Hugo von Hofmannsthals besucht, eine sehr sympathische alte Dame. Das Universum ihres Vaters ist mir sehr vertraut. Welch ein geniales Werk ist doch der Brief an Lord Chandos!

 

Prosit Neujahr und meine ganze Freundschaft

 

 

 

 

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AN LINDE BIRK

 

Linde Birk, geb.1938, betreute als Verlagslektorin in den sechziger und Anfang der siebziger Jahre die Bücher Ciorans bei S. Fischer. Lebt und arbeitet seit 1973 als freie Übrsetzerin in Stuttgart und Camaiore/ Lucca.

 

 

Valcanlos, den 9. September 1969

Liebe Linde Birk,

im heute so selbstzufriedenen Deutschland kann mein galliges kleines Buch gar keinen Erfolg haben. Wenigstens ist es wunderbar aufgemacht, und dafür möchte ich Ihnen danken.

Ich habe gerade zu Fuß einen Teil des Weges von Compostella zurückgelegt - mehr als Tourist denn als Pilger.

Sehr herzlich der Ihre

 

 

Paris, den 29. Dezember 1969

Liebe Linde Birk,

wie gern hätte ich Sie kreuz und quer durch mein Land begleitet, obwohl ich es sehr schlecht kenne und es sich für mich auf die Gegend um Sibiu-Hermannstadt beschränkt, wo ich eine paradiesische Kindheit und eine eher bewegte Jugend verbracht habe, die sich ziemlich genau in jenen "Culmile disperarii" widerspiegelt, die ich dieser Tage einmal wiederlesen möchte. Dies ist ein Buch, über das ein Kritiker damals (um 1934) gesagt hat, "wenn man nicht wüßte, wie alt der Autor ist, könnte man glauben, es sei von einem Paralytiker geschrieben..."

Ich bin keineswegs erstaunt, daß die "Syllogismen" so wenig Leser gefunden haben. Vielleicht wäre es besser gewesen, mit "La Tentation d'exister" anzufangen, einem Werk , das zu der positiven Stimmung der heutigen Deutschen besser paßt.

Wenn ich konsequent mit mir selber oder auch nur mit meinen "Prinzipien" wäre, müßte mich das Schicksal meiner Werke vollkommen gleichgültig lassen. Dies ist wohl ziemlich oft so, aber nicht immer. Man wird nicht ungestraft auf dem Balkan geboren.

Ich hoffe sehr, das Vergnügen zu haben, Sie bei Ihrer nächsten Reise hierher zu treffen, denn ich würde Sie unter anderem gern über jenes Dorf ausfragen, das mehr oder weniger meinen Namen trägt, und von dem ich noch nie etwas gehört habe.

Meine besten Wünsche und freundschaftlichsten Grüße

 

 

Paris, den 1. Juni 1970

 

Liebe Freundin,

danke für Ihre Zeilen und die Zeitungsausschnitte. Ich bin zu dem Schluß gekommen, daß es ein Fehler war, mit den "Syllogismen" zu beginnen - einer Folge von Scherzen, die auf dem Balkan oder in Paris ein gewisses Interesse wecken können, für ernsthafte Länder aber nicht geeignet sind.

Mit Freude lese ich, daß Sie bald wieder hierher kommen. Der Abend mit Ihnen und Herrn Schlesak ist mir noch in ausgezeichneter Erinnerung. Vielleicht begleitet er Sie auch diesmal. Ich würde es mir jedenfalls wünschen.

Meine herzlichsten Grüße an Sie beide, und auf bald

 

 

 

 

 

AN LUCIAN BOZ

 

Mit Lucian Boz, einem bekannten rumänischen Kritiker der Zwischenkriegszeit (Cartea cu poeti, 1935. Buch mit Dichtern. Uund Eminescu , 1932), der sich in Sydney niedergelassen hatte, korrespondierte Cioran zwanzig Jahre lang (1974-1991)

 

 

Paris, den 11. Juli 1977

 

Mein lieber Boz,

ich habe Holban kaum gekannt, ich habe Sebastian viel besser gekannt. Ihr seid hart mit allen beiden. Aber eine gewisse Dosis Ungerechtigkeit schadet den kritischen Analysen nicht, sie ist sogar das Pikante daran. Wehe dem Chronisten, der immer recht hat!

Die Lehre vom Zerfall ist seit langem vergriffen, es wird aber im Herbst nachgedruckt, dann schicke ich Dir ein Exemplar.

Den fraglichen Preis habe ich abgelehnt, weil ich Ehrungen verabscheue und man sie in diesem Land allzu sehr liebt. Andererseits muß ich zugeben, daß man durch die Reaktion auf eine Welt von Eitlen Gefahr läuft, der Sünde des Hochmuts zu verfallen. Es ist entschieden nicht leicht, bescheiden zu sein.

Auch ich war sehr froh über das Wiedersehen mit Dir. Was die Lage betrifft, hoffe ich, wir werden, wenn Du wiederkommst, über unsere Prognosen und unsere Befürchtungen lachen können. Seien wir Optimisten wider alle Evidenz.

Grüße Madame Boz von mir. Meine Freundin Simone hat Dich in bester Erinnerung.

Herzlich

 

Paris, den 8. Dezember 1977

Mein lieber Boz,

die Adresse von Arsavir lautet: Piata Dorobanti 3, Bukarest I und nicht Strada Dorobanti (ich frage mich, ob es diese strada gibt. Der Mangel an Phantasie oder gutem Willen der walachischen Post ist unbegreiflich). Arsavir hat ganz am Anfang enorm gelitten, er arbeitete täglich zehn Stunden in einem Lager, wo er cu o roaba mit Zement, Sand und Gottweißwas transportierte. Nach einem Jahrzehnt der Prüfungen aller Art ist es kein Wunder, daß er ein paar Gebrechen mit sich herumschleppt, wobei sein Herzleiden ziemlich ernst ist.

Dir und Deiner Frau herzliche Grüße und alle guten Wünsche für das kommende Jahr.

 

 

Paris, den 14. Juni 1978

Mein lieber Boz,

danke für Deinen Brief. Ich kenne Nicu Steinhardt seit langem vom Hörensagen; gestern bin ich ihm endlich begegnet, und wir haben ein paar Stunden miteinander verbracht. Wir haben über Dich, über Arsavir und alle unsere gemeinsamen Freunde gesprochen. Ich brauche Dir nicht zu sagen, daß er einen ausgezeichneten Eindruck auf mich gemacht hat. Im übrigen sind sich alle darin einig, daß er etwas Seltenes. so etwas wie ein Heiliger ist. Er hat mir mitgeteilt, daß Bellu Silber gestorben ist (vor drei Monaten). Ich hatte freundschaftliche Gefühle für ihn und bedauere, keine Möglichkeit gehabt zu haben, ihn wiederzusehen.

Wann glaubst Du, wieder hierher zu kommen?

Mit den freundschaftlichsten Gedanken

 

 

Paris, den 15. Februar 1979

Mein lieber Boz,

danke für Deinen Eminescu, ein sehr vielschichtiges Buch mit zahlreichen Facetten, das so gut die intellektuelle Atmosphäre unserer Jugend heraufbeschwört.

Ich denke dabei besonders an Deine Betrachtungen über sîngele strein , über die ethnische Vorgeschichte des Dichters. Das war die Epoche, in der man sich für die "nationalen Eigenschaften" zu interessieren begann, was in Deinen Betrachtungen über den Messianismus nachklingt, auch in jenen über die Untauglichkeit der Rumänen für die Abstraktion, die Philosophie. (Eines der interessantesten Kapitel ist das allerdings kurze Kapitel mit dem Titel: Religiosul, metafizicul si poetul).

Über Deine Begegnung mit der Psychoanalyse gäbe es viel zu sagen. Im Unterschied zu Dir hatte ich die Theorie des "Doktors" Vlad, über die ich mich entrüstete, heftig abgewehrt,. seine Anspielungen auf das Laster des Enzelgängertums und die Beharrlichkeit, mit der er darüber sprach, hielt ich für übelsten Geschmack.

Meine Überzeugung ist, daß Eminescu Baudelaire und selbst Hölderlin nicht kannte.

Hast Du gut daran getan, die Protokolle zu veröffentlichen? Ja, sicher, denn sie helfen dem Leser, nicht nur Deine theoretischen Positionen besser zu verstehen, sondern auch Deinen Platz zu einer bestimmten Zeit, die einer uralten Periode anzugehören scheint. Ich habe Eugène nichts von Deinem Buch erzählt, denn er hätte es zurecht seltsam finden können, daß er es nicht erhalten hat. Seine recenzie ist ganz in seiner "negativistischen" Art jener Zeit geschrieben.

Nochmals Dank für dieses sehr angenehme Zeichen aus einer anderen Welt.

 

In alter Freundschaft

 

 

AN PAUL CELAN

 

Mit seinem Landsmann Paul Celan, 1920-1970, war Cioran in Paris befreundet, eine schwierige Freundschaft, wie Cioran selbst betont. Nachdem seine "Lehre vom Zerfall" inkompetent übersetzt worden war, bat er Celan die Übersetzung zu übernehmen, was dieser auch sofort tat.

 

 

Paris, den 18. Januar 1959

Mein lieber Freund,

danke für die Zusendung der von Ihnen so wunderbar übersetzten Gedichte Ossip Mandelstams. Haben Sie diesen Dichter, von dem ich bis zum heutigen Tage nie etwas gehört hatte, nicht einmal seinen Namen, selber entdeckt oder war er schon bekannt?

Was machen Sie so? Ich für mein Teil erfreue mich sozusagen einer ziemlich schlechten Gesundheit und hänge jämmerlich herum. Wenn Sie Lust haben, könnten wir uns vielleicht bald einmal treffen?

Mit den besten Empfehlungen an Ihre Frau, herzlichst Ihr

 

 

 

AN ERWIN CHARGAFF

 

Erwin Chargaff, geb.1905, bekannter New Yorker Molekularbiologe, stammt wie Paul Celan aus Czernowicz. Aus dem Ton der Briefe ist zu entnehmen, wie hoch ihn Cioran achtet. Chargaff hat Vorarbeiten zur Entdeckung des DNS vorzuweisen. Cioran war Chargaff dankbar, "und jubelte begeistert auf", wie er in einem Aufsatz "Beim Wiederlesen der `Lehre vom Zerfall`" (Akzente 3, Juni 1979, S. 336) schreibt, als er bei Chargaff las, daß "seiner Ansicht nach nur das zu existieren verdient, was auf Französisch ausgedrückt wird." Das tröstete Cioran, den Wahlfranzosen, der das Französisch wie eine "Zwangsjacke", als unterkühlt, streng, das Gegenteil von seinem Temperament, empfand.

 

 

Paris, den 15. August 1978

Lieber Freund,

danke für Ihren Brief und für Feu d'Héraclite - eine bewundernswerte Heraufbeschwörung von Erfolgen und Niederlagen, wo die Bitterkeit ständig durch die Eleganz des Tons, durch eine Ausgeglichenheit korrigiert wird, die an einen besänftigten Swift denken läßt. Besonders gut haben mir Ihre Seiten über den Niedergang Österreichs gefallen. Wußten Sie, daß diese Tragödie in Pariser Intellektuellenkreisen, wo man alles zu spät entdeckt, gerade Mode ist, wenn ich das so sagen darf? In France-Culture konnte man neulich sogar die Stimme von Karl Kraus hören! So habe ich auch die Genauigkeit Ihrer Beschreibung bestätigt bekommen. Wirklich schade, daß Seuil sich nicht entschließen konnte, Ihr Buch zu bringen. Hätten Sie darin nur Ihre Wienerischen Nostalgien zum Ausdruck gebracht, hätten diese Herren keinen Augenblick gezaudert, da bin ich sicher. Aber sehr wahrscheinlich haben sie wegen der mangelnden Neugier "unserer" Gebildeten für jede rein wissenschaftliche Untersuchung einen Rückzieher gemacht. Der Wissenschaftler in Ihnen hat das Lektorat wohl abgeschreckt... Man muß also einen aufgeschlosseneren Verlag finden. Warten wir den Herbst ab, denn gegenwärtig ruht wegen dieser verfluchten Ferien jede Aktivität. Ich möchte nicht schließen, ohne Ihnen zu sagen, mit welch lebhaftem Interesse ich Ihre Bemerkungen über den Heimatverlust, nein, über die Entwurzelung gelesen habe. Seien Sie für ein so reiches Buch voller so stärkender Enttäuschungen bedankt.

Meine besten Empfehlungen an Ihre Frau. Ich hoffe, sie ist wieder ganz hergestellt.

Mit sehr freundschaftlichen Grüßen

 

 

Paris, den 2. Februar 1980

Lieber Freund,

darf ich es Ihnen gestehen? Ihr Buch hat mir schon auf Englisch gefallen, aber es gefällt mir noch besser auf Deutsch, zumindest im ersten Teil. Die Worte, die Sie in dieser Fassung über Ihre Familie, über Karl Kraus, über die Habsburger gebrauchen, haben eine beschwörende Kraft und einen nostalgischen Akzent, die man in der ersten Fassung zwangsläufig nicht finden konnte.

Ich war bei der neuerlichen Lektüre Ihres Buches über seine so offensichtliche und so allarmierende Aktualität verblüfft. Sie sind Zeuge einer in vieler Hinsicht bewundernswerten Zivilisation gewesen. Die Schäden, die sie zum Verschwinden gebracht haben, sind die gleichen, die wir überall im Westen erkennen. Das Schicksal Wiens, Österreichs allgemein, bedroht uns. Mit Krieg oder ohne Krieg gehören wir zu einer verdammten Welt. Sie wissen das schon lange, schon immer und deshalb wird sich die Zukunft für Sie mit der Wut verbinden, Recht gehabt zu haben.

Meine Empfehlungen an Frau Chargaff.

Mit sehr herzlichen Grüßen

 

 

Paris, den 20. Dezember 1982

 

"...jetzt aber ist ein jeder

sein eigener Damokles."*

 

Lieber Freund,

ich habe gerade diese glänzenden und beunruhigenden "Warnungstafeln"* beendet. Sie prangern darin die Illusionen des Fortschritts, die Blindheit, Naivität, ja Dummheit der modernen Welt, die Verwüstungen der Wissenschaftsgläubigkeit an, und in einem ironischen Ton den Untergang der Ironie, also der Weisheit. Ihre Kampagne ist umso bewundernswerter als sie von einem Wissenschaftler gegen die Mehrheit seiner von ihrem Wissen besessenen Kollegen geführt wird. Diese Herren werden Sie aus Eifersucht auf Ihr Talent schließlich als einen Überläufer, als einen Literaten betrachten, denn unter den Spezialisten wird keiner mehr beneidet und verabscheut als einer von ihnen, der ein echtes Schriftstellertalent hat.

Sie besitzen Formulierungsgabe. Davon findet sich viel in Ihrem Buch, und daher liest man es nicht nur mit Vergnügen, sondern mit Genuß.

Empfehlen Sie mich bitte Frau Chargaff.

Mit meinem Dank, herzlichsten Grüßen und besten Wünschen

 

 

 

AN MIRCEA ELIADE

 

Mircea Eliade, geb. 1907 in Bukarest, gestorben 1986 in Chicago, wo er lange Jahre Professor für Religionsgeschichte war. Bedeutender Mythenforscher, Religionshistoriker, Philosoph und Romanschrifsteller. Weltweit bekanntgeworden durch sein Yogabuch (1936). Kulturattachee in London und Lissabon. Blieb nach dem Krieg im Westen. Zuerst in Paris als Gastprofessor. Seit 1957 in den USA. Er hat außerordentlich viel publiziert. Am bekanntesten seine "Geschichte der Religionen". - Wie sein Jugendfreund Cioran sympathisierte er in den dreißiger und vierziger Jahren mit der äußersten Rechten in Rumänien.

 

Paris, den 13. Dezember 1937

Lieber Mircea,

ich habe das Bedürfnis, Dir auf Deinen Brief sofort zu antworten, denn alles, was ich hier erlebt habe, bestätigt Deine Auffassungen über Rumänien. Doch zuerst will ich Dir über die Kosmologie schreiben. Zuhause war ich so weit zu glauben, daß alle Deine Studien nur verzweifelte Versuche bleiben werden, hier jedoch, nachdem ich nun Deine komplizierte Kosmologie gelesen habe, gab ich mir darüber Rechenschaft, daß Dich eine besinnliche Pause von einigen Jahren zu einer Synthese der Geschichtsphilosophie führen könnte, die alles scheiden und bewerten würde, was Fieber und Geist in Deiner Gelehrsamkeit ist. Außerdem müßten auch wir uns spezialisieren, damit Du (in unseren Augen) nicht so seltsam erscheinst. Du kannst Dir dieses Unbestimmte der Wahrnehmung nicht vorstellen, wenn Du das Buch eines Freundes liest, der uns gegenüber überhaupt kein Entgegenkommen kennt. Gelehrsamkeit in einer Generation von Tunichtguten gibt Dir den Nimbus des großen Einsamen. Wir beide, Tutea und ich, retten uns auf unsere Weise, er durch Genialität und ich durch Trauer.

Seit ich hier bin, habe ich alle, nur einigermaßen wichtigen, politischen Begegnungen besucht. Ich kann nicht behaupten, daß die mich besonders interessieren. Ich möchte jedoch wissen, welches historische Entwicklungsstadium Frankreich erreicht hat, und was bei uns zu tun wäre. Sowohl die Linke als auch die Rechte - doch eher diese - behaupten, Frankreich sei eine Macht zweiter Ordnung geworden, und wenn diese Entwicklung nicht zurückgekurbelt werde, ginge das Land unweigerlich in Richtung einer unaufhaltsamen Dekadenz. Doriot, der beste Kopf der Nationalisten hier, mit Fähigkeiten zum Chef - sagte gerade heute auf einem Meeting, Frankreich erwarte das Schicksal Hollands, sollte es in den nächsten Jahren zu keiner nationalen Revolution fähig sein. Es ist schauerlich, beobachten zu müssen, wie hier inmitten einer großen Prosperität schwärzester Pessimisus die Gemüter beherrscht. Wie viele Begegnungen gibt es doch, wo nur von der Agonie Frankreichs geredet wird.

Rumänien kann sich vor dem Okzident nur durch eine Revolution von rechts behaupten. Mehr denn je habe ich mich davon überzeugt, daß Rumäniens letzte Chance die Eiserne Garde ist. Die Demokratie hat aus Frankreich nichts als eine Gesellschaft und einen Staat, ein Kollektivwesen, aber keine Nation gemacht. Jede Geste, die die Lunte an die Demokratie in Rumänien legt, ist ein kreativer Akt. Diese Nchrichten sind nichts als die Banalitäten eines informierten Mannes. Die neue Generation - als Masse betrachtet - ist dort viel interessanter als hier. Die jungen französischen Nationalisten sind nichts, als ... Cuzisten. Ich würde lügen, wenn es mir einfiele zu sagen, daß mir Frankreich nicht gefällt. Paris gebe ich mich mit Wollust hin, obwohl ich seine dekadenten Lüste nicht goutieren kann. Ich bin extrem arm (1000 fr. im Monat), und es kommt mir gelegen, daß ich auch nach außen zum isolierten Leben verurteilt bin. Komisch, daß Du Paris und auch Baudelaire nie geliebt hast. Dieses ist erklärlich durch unsere unterschiedlichen Temperamente. Jede Art von Trauer ist Solidarität mit Paris. Ich bitte Dich sehr, schick mir den Cuvântul - abonniere mich, denn auch ich möchte etwas schreiben, um dieser Armut zu entgehen. Sânzeana erscheint mir viel zu wolkig und fremd. Ich hätte den Eindruck, an einer astrologischen Zeitschrift mitzuarbeiten - und dann, Du weißt nur allzugut, daß mir Schreiben kein Vergnügen macht. Ich nehme die Feder nur in Augenblicken des Unglücks oder aus Geldnot zur Hand.

Mit der gleichen Liebe für Dich und Nina, Emil Cioran

 

 

(Antibes, 20. Februar 1940: Poststempel)

Lieber Mircea,

 

wenn Du deine Zeit niemals im angenehm unendlichen Nichts verloren hast, kannst Du mich nicht verstehen. Nur in den Wassern des Mittelmeeres läßt sich die Existenz vergessen.

Ich bin an den Grenzen der Nutzlosigkeit angelangt.

 

E.C.

 

 

 

AN NORMAN MANEA

 

Norman Manea , * 1936 in der Bukowina, rumänischer Romancier und Essayist jüdischer Herkunft, kam erst 1985 in den Westen, lebte zuerst in Deutschland, dann in New York. Kam mit fünf Jahren in ein rumänisches Konzentrationslager Antonescus in "Transnistrien". Die Erlebnisse in beiden Diktaturen sind der Stoff seiner Bücher. Sie sind inzwischen in alle Weltsprachen übersetzt: "Roboterbiographie", Erzählungen, dt. 1987; "Fenster zur Arbeiterklasse" dt. 1989; "Der Trenchcoat", dt. 1990; "Der Schwarze Brief", Roman, dt. 1996.

 

Paris, den 18. Oktober 1989

 

Draga Domnule Manea,

danke für Ihren freundlichen Brief. Ich möchte Ihnen sagen, wie gut ich Ihren Artikel über die rumänische Hölle finde. Ich habe dieses unglückliche Land 1937 verlassen, und dies ist mit Abstand der intelligenteste Akt, den ich je vollzogen habe. 1934 hatte ich einen Monat in Paris verbracht. Es war Liebe auf den ersten Blick. Wieder in der Walachei, habe ich alles unternommen, um nach Frankreich zurückzukehren. Da Sie jetzt ähnliche Pläne schmieden, erlaube ich mir, Ihnen einen Vorschlag zu machen: versuchen Sie, das Französische Institut Amerikas regelmäßig zu besuchen (dies habe ich seinerzeit in Bukarest getan...) um ein Jahresstipendium zu bekommen. Der Rest kommt von alleine. Paris ist der ideale Ort, um sein Leben zum Scheitern zu bringen. Dies mache ich seit 51 Jahren mit Erfolg.

Sehr herzlich

 

AN RODITI

 

 

 

Paris, den 25. September 1989

 

Mein lieber Freund,

ich danke Ihnen für Ihren Brief, der wie gerufen kommt. Vor wenigen Tagen wurde ich von dem Text Norman Maneas verblüfft oder vielmehr erschüttert. Es ist das Beste, was ich je über den rumänischen Alptraum gelesen habe. Ich wußte nicht, an wen ich mich wenden sollte, um Einzelheiten über einen so hellen Kopf zu erfahren, der das Glück gehabt hat, diese Wunderdinge aus der Nähe zu erleben. Ich habe Rumänien vor fünfzig Jahren verlassen und interessiere mich vor allem aus Masochismus für meine Herkunft. Wie soll man sich erklären, daß dieses leichtfertigste aller Völker ein solches Schicksal hat? Nirgends auf der Welt hat der Zweifel solche Ausmaße angenommen. Norman Manea hat die Bedeutung dieser lähmenden Klarsicht voll erkannt. Sehr gut, daß Sie ihm meine Adresse gegeben haben.

 

Freundschaftlichste Grüße, auch von Simone

 

 

AN FRITZ J. RADDATZ

 

Fritz J. Raddatz, geb. 1931, Promotion und Habilitation in der DDR, seit 1958 in der Bundesrepublik. Verleger; 1977-1985 Feuilletonchef der "Zeit"; Herausgeber und Essayist. Schrieb Bücher über Marx und Heine. Kuhauge, Erzählung, 1983; Der Wolkentrinker, Roman, 1987; Die Abtreibung , Roman 1991. Der Briefwechsel entstand vor allem aus Anlaß eines Gesprächs, das Fritz J. Raddatz 1986 in der Zeit veröffentlichte.

 

 

(Original Deutsch)

Paris, den 20. Februar 1984

 

Lieber Herr Raddatz,

besten Dank für Ihren Brief und für die zwei Suhrkamptaschenbücher. Ich habe mich auch gefreut über unsere Unterhaltung und, jetzt, als Leser, über die Dialoge, die ein lebendiges Bild der zeitgenössischen Einstellungen und Widersprüche geben. Diese so verschiedenartigen Attitüden - welche Einladung zur Skepsis! Je mehr Meinungen man begegnet, desto weniger scheint es möglich sich für etwas zu entscheiden.

Viel ist gesagt worden in den zwei Bänden. Worüber noch reden? Sie schlagen mir vor unsere Unterhaltung als Interview weiterzuführen. Ihre Erklärungen in Le Nouvel Observateur könnten ein Ausgangspunkt sein. Sie fürchten, daß Deutschland mit Karthago durch und durch wetteifern wird. Warum dann nicht ein Gespräch über diese schöne Aussicht?

Mit herzlichen Grüßen Ihr

 

 

(Original Deutsch)

Paris, den 8. April 1984

 

Lieber Herr Raddatz,

ich habe gerade die Lektüre Ihres Buches beendet. Es sind zwei Dinge, die mich besonders angesprochen haben: die Tonalität (le ton) und die Prägnanz, die Knappheit (der anti-proustianische Zug) in einem Text, der vielleicht mehr Memoiren als Erzählung ist, ein Dokument das die Anhäufung und die Gefahr der Psychologisierung (!) vermeidet.

Das Buch ist besonders objektiv und dadurch ohne den üblichen apokalyptischen Unterton. Als ich es las, konnte ich nicht umhin, als an den heutigen Zustand Deutschlands denken. Man kann sehr gut verstehen, daß Menschen, Kinder besonders, die so etwas erlebt haben, nicht mehr geschichtlich brauchbar sind. Was mir als Leser gefällt, ist der Abstand den Sie haben Ereignissen gegenüber. Das gleiche begegnete mir in Ihrem Heinebuch.

Vielen Dank für beide Bücher.

Mitt herzlichen Grüßen Ihr

 

 

 

Paris, den 8. März 1986

 

Lieber Herr Raddatz,

ich habe mich auf unser Gespräch gefreut. Warum war ich doch nachher irgendwie verlegen? Vielleicht weil Sie zu viel Wert, so scheint mir, auf Ideologie und Politik legen. Was ich davon denke, habe ich in meinem Essay über de Maistre gesagt. Warum gerade über ihn? Weil Baudelaire ihn verehrte. Ich verehre ihn auch als Schriftsteller, nicht aber als Doktrinär. Mein Text über ihn wurde stark von der Rechten angegriffen und von der Linken gepriesen. Sie aber finden in ihm Spuren von "Faschismus", von "Irrationalismus". Das richtige Wort wäre: Zynismus. Um Mißverständnisse zu vermeiden sollte ein Zyniker nie über politische und ideologische Fragen schreiben. Einige scharfe Übertreibungen ausgenommen betrachte ich diesen vor dreißig Jahren verfaßten Text als eine Huldigung an die totale Skepsis, als mein Bekenntnis zur Auswegslosigkeit, als mein Testament insofern ich von der geschichtlichen Existenz infiziert bin. Was mein "Verantwortungsgefühl" betrifft, so kenne ich es nur im täglichen Leben - ich habe eine menschliche Einstellung zum Menschen - nicht aber wenn ich schreibe, dabei ist er für mich sozusagen undenkbar, ich kümmere mich dann nicht um die möglichen Folgen eines Satzes, eines Aphorismus, ich fühle mich von moralischen Kategorien befreit, deswegen soll man auch nicht meine Zustimmungen oderVerneinungen nach diesen Kategorien beurteilen. Zwar habe ich ein intensives, ein krankhaftes Mitleid für alle Wesen, für den Menschen sogar und finde, daß es höchste Zeit ist, daß er verschwindet, damit wir ihm nachtrauern können. Das Mißverständnis zwischen uns kommt daher, daß Sie an die Zukunft, an eine Lösung, an das Mögliche überhaupt glauben, während ich nur etwas Präzises weiß: daß wir alle da sind, nur um uns gegenseitig zu quälen mittels unerschöpflichen Illusionen.

Ich schreibe Ihnen, um das, was wir bei unserer Begegnung angesprochen haben, klarer zu machen.

 

Mit herzlichen Grüßen Ihr

 

Wie verabredet schicken Sie mir doch bitte das Manuskript unseres Gespräches.

 

(handschriftlich:) Ich habe eben Ihr Rosa Luxemburg's Portrait gelesen. Attachant, fesselnd.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

AN DIETER SCHLESAK

 

Dieter Schlesak, geb 1934 in Schäßburg/Siebenbürgen. Lyriker, Romancier und Essayist. Übersiedelte 1969 in den Westen. Lebt in Stuttgart und in Camaiore/Lucca. Lyrik: "Weiße Gegend", l981; "Aufbäumen. Gedichte und ein Essay", 1990 u.a.; Essays und Prosa: "Visa, Ost West Lektionen, l970; "Vaterlandstage und die Kunst des Verschwindens", Roman, 1986. Drei Bände Essays über 1989 und die Folgen.

Seit 1970 Briefwechsel mit Cioran. Vgl. "Sinn und Form" 1/96: "Begegnungen mit E-M. Cioran". Bereitet einen Briefband Cioran bei Suhrkamp vor.

Dieppe, den 21. Oktober 1980

Lieber Dieter Schlesak,

vielen Dank für Ihren so freundschaftlichen Brief und die Nachrichten über Sie und Linde Birk. Verena war begeistert von dem Abend mit Ihnen und auch von der - anscheinend herrlichen - Umgebung, in der Sie leben . Sie haben es richtig gemacht, daß Sie ein zweites Mal emigriert sind. Ich hätte es Ihnen nachmachen sollen anstatt in einer diabolischen Stadt zu versacken, aus der ich zum Glück ab und zu flüchte: Dieppe ist mein Refugium, ein kaltes Refugium, din pácate! Ich fühle mich Rumänien ferner als Sie, ich bin ein înstráinat , zur großen Verzweiflung meiner Freunde dort unten.

Ich habe Fondane in der Tat gut gekannt, denn ich pflegte während der furchtbaren Jahre Umgang mit ihm. Ein äußerst bestechender Geist. Vor zwei Jahren wurde ein ganzes Buch mit Erinnerungen an ihn veröffentlicht. Ich habe dazu einen kleinen Text beigetragen. Drei seiner Werke sind auch neu erschienen. Alles bei Editions Plasma, deren Adresse beiliegt. Ich habe diese neu aufgelegten Werke, von denen eines alle französischen Gedichte enthält, leider nur in einem einzigen Exemplar. Das Schicksal dieses großartigen Mannnes verfolgt mich. Er hat nichts getan, um dem Unheil zu entgehen, das ihn wohl auf geheimnivolle Weise angezogen hat... Gerade heute habe ich aus Madrid einen Artikel über ihn von einem spanischen Freund erhalten. Sie finden darin einige Hinweise und Quellenangaben zu Fondanes Werk. Könnten Sie alle diese Bücher nicht von einem deutschen oder italienischen Verlag anfordern lassen?

Obwohl ich schon lange nicht mehr reise, hat mich seltsamerweise seit ein paar Monaten Sehnsucht nach Italien erfaßt. Sollte sich dieser Wunsch je in ein Projekt und das Projekt in einen Akt umwandeln, werde ich es nicht versäumen, mich bei Ihnen beiden zu melden. Bis dahin meine freundschaftlichsten Grüße

 

 

 

AN MARIANA SORA

 

Mariana Sora, geb. 1917 in Budapest, rumänische Essayistin und Übersetzerin; übersiedelte 1977 aus Bukarest in die Bundesrepublik. Essaybände: "Heinrich Mann", 1966; "Unde si interferente" (Wellen und Interferenzen), 1969; ein Buch über den rumänischen Dichterphilosophen Lucian Blaga (1970); "Cioran, jadis et naguère, Paris 1988; Memoiren 1992, und einen Roman "Rátácire" (Verirrung), 1995 u.a. Übersetzungen aus dem Rumänischen ins Deutsche und aus dem Deutschen ins Rumänische.

 

Paris, den 1. Februar 1979

Liebe Freundin,

Ihr Brief vom Dezember war voller positiver Dinge und ließ erkennen, daß von deutscher Seite das Wesentliche gelöst ist. Bleibt jetzt noch die Kampagne, um den Verrückten zu erweichen. Beraten Sie sich darüber noch einmal mit Imre Toth, ich bin sicher, er wird Ihnen eine große Hilfe sein. Was Ihre Aktivitäten in Deutschland betrifft, wenden Sie sich am besten direkt an die Schriftsteller und Kritiker, sprechen dabei zunächst mal über deren Werke und kommen dann nebenbei auf Ihre eigenen: das ist das klassische, unfehlbare Schema. Meiner Erfahrung nach schafft man die solidesten Beziehungen durch Briefwechsel.

Danke für Sarea pámîntului - ein konzentriertes, schwieriges, gleichzeitig abstraktes und praktisches, stellenweise kaum ins Französische übersetzbares Buch. Die Schwierigkeiten sind gewaltig, und Sie können sie nur durch Bearbeitung, durch unvermeidlichen Halb-Verrat umgehen. Schon merkwürdig, wie gut diese Philosophen rumänisch schreiben. Mihai hat darin genau wie Noica eine erstaunliche Meisterschaft erreicht.

Ich bin von einer Grippe geschwächt, aber ehrlich gesagt weiß ich nicht, ob mein Zustand mehr von der Erschöpfung oder vom Ekel kommt. Sehr wahrscheinlich von beidem. Madame de Sévigné hat vom Alter als von einem "unabwendbaren Punkt" gesprochen, "an den ich wider meinen Willen geschleppt woren bin", sagt sie. An diesem Punkt sind wir nun alle angekommen.

Simone und ich schicken Ihnen freundschaftliche Grüße und die besten Wünsche.

 

 

Paris, den 2.Mai 1979

Liebe Mariana,

die Eliades sind noch nicht da. Sie kommen wohl um den 15. Mai. 4, Place Charles Dullin ist tatsächlich Ihre Adresse.

Die Nachrichten über Sie selbst klingen nicht allzu schlecht. Hauptsache, Sie bereuen nicht, den Rubicon überschritten zu haben. Ich weiß nicht, ob ich an Ihrer Stelle diesen Mut gehabt hätte.

Seit über drei Wochen habe ich mein Zimmer nur zweimal verlassen. Wahrscheinlich eine verschleppte Grippe. Die Maschine ist ruiniert, das wußte ich, aber daß es so schlimm ist, wußte ich doch nicht.

Eugène und Rodica sind gerade nach Kalifornien abgereist. Auch sie sind mutig. Marie-France, in Hochform, hat sich über ihre Einsamkeit in Turin beklagt (sie war an Ostern hier). Die Ihre in München ist also, wie Sie sehen, nichts besonderes. Überall die gleichen Unmöglichkeiten.

Mit unseren sehr herzlichen Grüßen

 

Paris, den 6. Juni 1979

Liebe Mariana,

Eliade ist angekommen, ich habe ihm gesagt, daß Sie darauf brennen, wieder Kontakt mit ihm aufzunehmen und ihm wohl das Buch von Mihai zu schicken. Für alle Fälle hier noch einmal seine Adresse: 4, rue Charles Dullin, 75018 Paris. - er ist in Hochform und sehr zufrieden, nicht ohne Grund, da seine Verdienste als Schriftsteller endlich anerkannt werden.

Eugène ist noch nicht zurück. Ich glaube nicht, daß er sich dort zu unpassenden Erklärungen hinreißen lassen wird, die den großen Kampf, den Sie führen, gefährden könnten. Ich habe ihm immer zur Mäßigung geraten - leider ohne Erfolg! Im vorliegenden Fall ist das Beste, was ich tun kann, ihm von Ihren Befürchtungen nur andeutungsweise zu sprechen, denn er tut gern das genaue Gegenteil von dem, was man ihm rät. Außerdem, warum sollte er Rumänien angreifen, das gegenwärtig eine so klägliche Figur abgibt. Das Nichts prangert man nicht an. Neben Polen ist die Walachei nicht einmal der Verachtung wert. Nebenbei bemerkt, hat der Papst vergessen, die Unierten Siebenbürgens zu erwähnen. Er hat die ganze Welt gegrüßt, sogar die bulgarischen Katholiken. Aber kein Wort über die von diesen orthodoxen Idioten profanierte Kirche. Ein zweitrangiger Unsegen hängt über diesem Land. Verständlich, daß man sich von ihm losreißen will.

Tausend Grüße

 

 

Paris, den 12. Juni 1979

 

Liebe Mariana,

ich kenne V.H. nicht. Ich bin ihm weder in Rumänien noch hier begegnet. Mein Grund zur Klage ihm gegenüber ist sehr einfach: ich werfe ihm vor, seinen Jugendentscheidungen treu geblieben zu sein. Wenn Geschichte zu etwas gut sein soll, dann, glaube ich, dazu, unsere Illusionen und unsere vorschnelle Begeisterung aufzuheben. Leider gibt es Leute, die nicht verstehen können - oder wollen. Wer hat Ihnen nur erzählt, daß V.H. mein Freund ist. Ich glaube mit gutem Grund, daß er mich nicht riechen kann. Unter diesen Umständen hätte es gar keinen Sinn, bei ihm einen Vorstoß zu machen. Übrigens habe ich ehrlich gesagt, große Zweifel, daß eine spanische Intervention bei Idi Amin wirkungsvoll oder auch nur vernünftig ist. Warum sollte Spanien gegen den Verrückten angehen, nachdem Ihr Sohn ein deutsches Visum beantragt hat? Vermeiden Sie in Ihrem Kampf soweit wie möglich die Verzettelung und die... Rumänen.

Zwei Grippen in drei Monaten sind etwas zuviel. Es geht mir aber doch besser. Bis jetzt noch keine Nachrichten aus Kalifornien. Ganz schön mutig von Eugène! In seinem Alter Kurse zu halten, übers Theater zu reden! Ein Werk ist im Grunde nur eine Form von Sklaverei.

Es tut mir wirklich leid, Ihnen nichts Positives mitteilen zu können. Aber ich glaube, im vorliegenden Falle sollte einen dies nicht betrüben, denn der Vorstoß war von vornherein zum Scheitern verurteilt.

 

Tausend Grüße

 

 

Paris, den 29. September 1987

 

Liebe Mariana,

um es Ihnen gleich zu sagen: Ihr Artikel, nein, Ihr Essay ist erstklassig. Dies ist kein Kommentar, dies ist eine Meditation, die mein wirres Gerede durch Ordnen zu einem Statut erhebt, ja ihm unerwartete Strenge verleiht. Ihre Bemerkungen über die Hellsichtigkeit, über das, was sie für mich bedeutet, haben mich verblüfft. Ich weiß nicht, was für ein Verhältnis ich zur Hellsichtigkeit habe, aber Sie zeigen sehr gut, daß meine Einstellung nicht genau definiert werden kann. Dieser Widerspruch gilt übrigens für alles, was mit dem inneren Leben zu tun hat, insbesondere für die religiöse Erfahrung. Daher werde ich Ihnen auch nicht vorhalten, in meinem Kult der gefallenen Engel auf eine schon Byron'sche "componentá romanticá" hingewiesen zu haben.

Ich bin froh, daß Sie die Kontinuität meiner Obsessionen betont haben und gleichzeitig dankbar für die Klarstellung, daß ich mich in einem Punkt, nämlich der "nationalen Megalomanie" radikal verändert habe. Davon bin ich allerdings für immer geheilt, und dies schon seit über einem halben Jahrhundert.

Und nun etwas im Vertrauen, vielmehr eine Bilanz: ich habe überhaupt keine Lust mehr, mich auseinanderzusetzen, mich zu äußern. Wozu weitermachen? Meine Verneinungen haben mich erledigt. Man kann nicht "produzieren", wenn man in sich selber die Leere spürt, die man überall angeprangert hat, denn arbeiten setzt eine Komplizenschaft mit der Illusion voraus. Es ist höchste Zeit, daß ich die Konsequenzen aus all dem Schlechten ziehe, das ich über alles gedacht habe.

Ich bedauere, mit dem Bekenntnis eines Rückzugs zu enden, aber Ihre so blendende Exegese zwingt mich zu dieser extremen Offenheit.

Wir haben Sehnsucht nach Ihnen. Wann sehen wir Sie wieder hier?

Einstweilen danke ich Ihnen von ganzem Herzen.

 

 

 

Paris, den 24. Februar 1989

 

Liebe Mariana,

ich bin das Gegenteil eines Weisen, aber ich habe Anfälle von Weisheit. In einer solchen Verfassung befand ich mich gerade, als ich Ihren von berechtigter Entrüstung durchdrungenen Brief erhielt. Wozu soll man sich wegen eines Mißverständnisses oder einer Intrige schlagen? Man kann machen, was man will, sobald man sich äußert, wird man verwundbar.

Lange Zeit habe ich mich in meinen Augenblicken der Wut ins Bett gelegt und die Decke über den Kopf gezogen. Nach zwei oder drei Stunden war ich meiner Wut Herr geworden. Liegt es am Alter? an der Skepsis? ich habe diese Therapie zu meinem großen Bedauern aufgegeben.

Mit Ausnahme einer kurzen, von einer Unbekannten verfaßten Unverschämtheit sind die Urteile über Ihren Essay sehr positiv gewesen. Meine Freunde jedenfalls haben begeistert darüber gesprochen.

Sehr herzlich

 

 

Ich hoffe, wir sehen Sie bald in Paris, wo zum Glück keiner das rumänische Radio hört.

Ich umarme Sie, Simone

 

 

 

AN SIMON TIMARU

 

Fünf Postkarten an Simon Timaru (geb.1910 in Ocna Sibiului,) sind erhalten. Ausnahmsweise schrieb Cioran vier auf Rumänisch, eine Seltenheit.

Timaru, Oberbuchhalter einer Finanzbehörde, war der Meisterorganisator von Festen und Ausflügen des Freundeskreises in die Dörfer der Umgebung, in die Karpten, ins Kloster Cozia in den Südkarpaten, dem Cioran in seiner Hermannstadter Jugend in den dreißiger Jahren angehörte. Hier zeigt sich von neuem Ciorans Vorliebe für gescheiterte Existenzen und Bohemiens. Zu ihnen gehörte Mircea Zapratan, eine markante Figur der Klausenburger Studentenschaft, dann der legendäre Ghitá Vácaru, der "müde Prinz", Dandy und Kavallerieoffizier, Ion Tatu, "Ionelul mumii" (Mutters Hänschen) Lehrersohn aus einem siebenbürgischen Dorf.

 

Paris, den 10. September 1974

Lieber Freund,

ich danke Dir für die Ansichtskarte. Es ist eine Ewigkeit her, daß ich nicht mehr in Cozia war. Mit Bucur korrespondiere ich, doch von Zapratan weiß ich seit langem, das er nicht mehr ist. Was ist mit Ghitá Vácaru geschehen? Er war einer der sympathischsten Menschen, die ich in meinem Leben kennengelernt habe. Schreib mir bitte, wann und wie er umgekommen ist. Ich habe Deine Adresse nicht gut entziffern können.

 

In alter Freundschaft

 

Paris, den 22. September 1974

Lieber Freund,

ich danke Dir für den Brief. Die Details über Ghitá Vácaru haben mich aufgewühlt. Welch ein grausames Schicksal! Niemals hätte ich mir vorstellen können, daß er in solch einen Zustand der Trunksucht und des Elends geraten könnte: Er war ein außerordentlich sympathischer Mann. Wie schade! Ich erinnere mich an unsere Ausflüge in die Karpaten. Ein Menschenleben ist seither vergangen. Ich weiß nicht, ob ich jene Orte, die ich einmal so geliebt habe, jemals wiedersehen werde. Ich sehe, auch unsere Sprache beherrsche ich nicht mehr. Ich hoffe, daß Dein Sohn eine große Karriere machen wird. Er kann sich an den Kritiker George Bálan, str. Trandafirilor 4, Sinaia, wenden, und sich auf mich berufen. Dieser könnte ihm vielleicht helfen. Jedenfalls glaube ich das.

Ich danke Dir nochmals.

Mit den freundschaftlichsten Grüßen

 

 

Paris, den 3. Dezember 1974

Lieber Freund,

ich habe Deinen Brief vom 16.10. erst heute erhalten! 40 Tage Streik. Kein Kommentar. Danke für die Fotos. Das von Ghità mit seinem Ausdruck eines müden Prinzen hat mich besonders ergriffen. Auf dem von "Bâlea" habe ich nach so vielen Jahren zu meiner Zufriedenheit alle wiedererkannt. Nicolae Adam liegt also im "Todesschlaf". Ich mochte ihn gern und habe mich sehr gut mit ihm verstanden. Ich kann mich erinnern, daß er mit unserem Französisch-Lehrer Mastre englisch redete. - Ich beneide Dich darum, daß Du nach Pàltinis gehen kannst; das ist ein Ort, nach dem ich Heimweh habe. Werde ich ihn je wiedersehen? - Mit Bubu Albu habe ich von 1920 bis 1924 in einer deutschen Pension zusammengewohnt, Str. Mácelarilor. Wie lang das alles her ist! Nochmals Dank.

Cu prietenesti salutári

 

 

AN DIE TOCHTER VON MIRCEA VULCANESCU

 

Mircea Vulcanescu (1904-1952), rumänischer Philosoph und Soziologe von großem Einfluß in den dreißiger Jahren in Bukarest. Nach 1937 hat er sich vor allem um eine Definition des "Rumänischen" bemüht: "Der rumänische Mensch", "Die dakische Verführung", "Die konkrete Existenz in der rumänischen Metaphysik", "Die rumänische Dimension der Existenz", was Cioran später zum Widerspruch reizte. Zwischen 1941-44 Staatssekretär in Antonescus Regierung, verurteilt nach 1945 zu acht Jahren schwerem Kerker, wo er auch starb.

 

Paris, den 20. Januar 1968

Liebe Frau Vulcanescu,

in den Chassidischen Erzählungen heißt es über Baal-Shem-Tov: "Als alle Seelen in Adam waren, entfloh, als dieser sich dem Baum der Weisheit näherte, die Seele Baal-Shem-Tovs und aß so nicht von den Früchten des Baumes."

Je mehr ich an Ihren Vater denke, desto mehr erscheint es mir, daß auch er eine schwindelerregende Ausnahme war, daß auch er sich durch irgendein Wunder unserem gemeinsamen Fluch entzogen hat. Es mag unsinnig wirken, von einem wahrhaft universellen Geist zu behaupten, daß er nicht von der verfluchten Frucht gegessen hatte. Dennoch muß es wahr sein, denn sein gewaltiges Wissen war mit einer Reinheit gepaart, wie sie mir vergleichbar noch nie begegnet ist. Die Erbsünde, offenbar in uns allen, ist bei ihm nicht sichtbar, bei ihm, der so gut im Fleisch war und in dem sich, wunderbares Paradox, der Entflohene aus einer Ikone verbarg. Ob er über Finanzen oder Theologie sprach, ging von ihm eine Kraft und ein Leuchten aus, das ich nicht zu definieren vermag. Ich möchte aus Ihrem Vater keinen Heiligen machen, aber in gewisser Weise war er es. Denken Sie nur, daß er, der von Autoren umgeben war, niemals danach gestrebt hat, selber einer zu sein, daß der Wille, einen Namen zu haben, für ihn unbegreiflich war, daß er keinen Augenblick vom Ruhm verlockt war, jener Versuchung des gefallenen Menschen, die in allen Sterblichen nagt, außer in ein paar Versprengten, die an den Grenzen des Geistes die Unschuld wiedergefunden haben. Ich glaube, daß er nie von dem schädlichen Gedanken gestreift worden ist, ein Unverstandener zu sein; er war auf keinen eifersüchtig und haßte niemanden: schon dem Gedanken abhold, sich zur Geltung zu bringen, bemühte er sich nicht, zu sein, er war. Als ich ihm eines Tages in einem Wutanfall gegen das, was ich damals "unser heimatliches Nichts" nannte, sagte, daß wir unfähig gewesen seien, auch nur einen Heiligen hervorzubringen, erwiderte er mit seiner gewohnten Liebenswürdigkeit, die diesmal eine gewisse Heftigkeit verriet: "Sie hätten jene Alte sehen sollen, die ich in einem verlorenen Dorf kennengelernt habe und die durch all ihr Zubodenwerfen und Beten auf dem Boden ihrer Hütte Spuren hinterlassen hatte. Die wahre Heiligkeit muß sich nicht zeigen und anerkannt werden."

Wir waren praktisch nie einig über die unserem Land zugefallene Rolle, dem es mir aus Masochismus oder Gott weiß warum gefiel, kein Verdienst und keine Chance zuzuerkennen. Für mich war die wesentliche Gegebenheit, das rumänische Konzept par excellence das des Unglücks. Ich spielte bei jeder Gelegenheit mit einer Beharrlichkeit darauf an, für die mir Ihr Vater nicht dankbar sein konnte. Ich versuchte es noch einmal in einem Brief, dem letzten, den ich ihm schrieb, um ihm für eine Studie zu danken, die er mir gewidmet hatte und wo er eine Reihe von einheimischen Redewendungen voller Sinn und Weisheit zitierte, dabei aber, wie ich ihm sagte, die wichtigste, die aufschlußreichste ausgelassen hatte: "N'a fost sa fie" - in der ich das Resumé, die Formel, das Emblem unseres Schicksals sah. Mit dem Abstand von heute bin ich nicht mehr so sicher, in diesem Streit, in dem sich unsere Thesen gegenüberstanden, recht gehabt zu haben. Wegen der historischen Bedeutungslosigkeit seines Landes Qualen zu leiden, ist eine Schwäche des Literaten, ein Laster des Schreiberlings. Mircea Vulcánescu, der solchen Schwächen in keiner Weise ausgesetzt war, schätzte nur die inneren Werte: ob sein Land oder er selber in den Augen der andern existierte oder nicht, zählte für ihn kaum. Und weil er diesem falschen Stolz so fern stand, werden Sie leicht verstehen, warum ich ihn zu keiner Zeit bitter oder verkrampft gesehen habe. Da er jeden Augenblick vollkommen lebte, wurde alles, worüber er sprach, zu einem Universum. Seine außergewöhnliche Vitalität verklärte Probleme wie Landschaften. Ich habe oft den Park von Versailles besucht, aber wirklich gesehen habe ich ihn nur einmal, auf definitive, unvergeßliche Weise vor dem Krieg, als Ihr Vater uns, Wendy und Dinu Noica und mir, erklärte, daß der Garten, den wir von der Terrasse herab betrachteten, wie eine Monade konzipiert war, eine paradoxerweise mit einem Fenster ausgestattete Monade, einem einzigen, jenem Zwischenraum, den man am Ende zwischen zwei Pappeln entdeckt, der aus diesem geschlossenen Raum ins Unendliche führt. Mit gelehrtem Überschwang offenbarte er uns diese vollkommene Welt, die aber dennoch von einem metaphysischen Einbruch gezeichnet war. Er entwickelte uns, hätte man sagen können, die Theorie des Paradieses, das sich seinem Gedächtnis, das lebendiger war, als alle anderen, gewiß deutlicher eingeprägt hatte. Nach irgendeiner Seite, da war ich sicher, entkam er uns immer; das war es, was ich an ihm liebte. Unmöglich, ihn festzulegen, zu behaupten, er sei dies oder jenes. Philosoph war er, gar kein Zweifel. Gleichzeitig war er aber etwas viel Besseres als ein Philosoph. Er war auf wunderbare Weise irgendetwas. Es gibt kein Thema, das er nicht mit Eifer und Gründlichkeit behandelt hätte. Wie groß war mein Erstaunen, als er mir eines Tages mitteilte, daß er gerade für ich weiß nicht welche Enzyklopädie einen langen und ausführlichen Beitrag über den Ersten Weltkrieg geschrieben habe! Er hatte sich monatelang damit beschäftigt, ohne das Gefühl, damit Zeit verloren zu haben oder sich einem äußerlichen, einem seiner unwürdigen Bereich zugewandt zu haben. Er ließ sich nie zu einem Bedauern herab, dies schien mir sein Geheimnis, ein Geheimnis, das ich ihm, ich gestehe es, am liebsten entrissen hätte. "Die unbestimmte Weigerung, irgendetwas zu sein", nein, diese Devise Valérys hätte er nicht unterschrieben; die seine wäre eher gewesen: "Das unbestimmte Aufsichnehmen, irgendetwas zu sein, alles zu sein", das Aufsichnehmen oder, wenn Sie wollen, die Freude. Ich kann mir Ihren Vater in der Verzweiflung nicht vorstellen. Andererseits erscheint es mir schwer, zu glauben, daß er deren Qualen nicht gekannt hat. Er, der so offen, so bereit war, alles zu verstehen, war doch von Natur aus nicht dazu bestimmt, sich die Hölle vorzustellen und erst recht nicht, in sie hinabzusteigen. Es liegt mir am Herzen, Ihnen zu sagen, daß von all den Geistern, die ich geliebt und

bewundert habe, keiner eine so stärkende Erinnerung in mir zurückgelassen hat, wie Ihr Vater: ich brauche mir nur sein durch seine Klarheit erschütterndes Bild zurückzurufen, um plötzlich einen Sinn in der Unsinnigkeit des Daseins zu finden und mich mit dem Hinieden zu versöhnen.

 

 

AN OCTAVIAN VUIA

 

Octavian Vuia, geboren 1914 in Budapest., gestorben 1989 in Freiburg. Lebte und studierte in Cluj/Siebenbürgen. Philosophieprofessor. Schrieb über die Vorsokratiker ("Remontée aux sources de la pensée occidentale" 1961), Nietzsche und Heidegger. Arbeiten über rumänisches Denken. Seit 1937 im Westen: Berlin und Freiburg. Dann Paris. Wie Cioran Stipendiat (lnstitut Francais du Bucarest")) in Paris und Humboldt-Stipendiat. Freundschaft seither und Briefwechsel seit 1957. 1957 bis 1980 Chefredakteur und Direktor der rumänischen Sendung von "Radio Free Europe" in München.

 

 

Paris, den 17. Oktober 1961

Mein lieber Vuia,

danke für die Zusendung Deines Buches, das ich mit größtem Interesse gelesen habe. Ein Skythe mußte sich notwendigerweise über diese Griechen beugen und sie besser spüren als ein Abendländer. (Das hat Nenea immer schon gemeint, zurecht, wie mir scheint. Als Max diese These in Berlin gegenüber Sorin Pavel und Tutea vertrat, war ich nicht mit ihm einverstanden. Seither habe ich mich weiterentwickelt.)

Ich hätte einen kleinen Vorbehalt zu machen: nämlich zu l'étant (das Seiende). Ich weiß wohl, daß das Wort in die philosophische Terminologie eingegangen ist und daß alle Welt es benützt. Trotzdem finde ich es häßlich und "ungenießbar". L'être (das Sein) ist allerdings auch nicht viel besser. Die Metaphysik hat auf französisch etwas, wie soll ich sagen? Unelegantes...

Was machst Du? Wir haben uns eine Ewigkeit nicht gesehen. In gewisser Weise beneide ich Dich darum, in München zu leben, das neben Hermannstadt/Sibiu und Dresden zu meinen glücklichen Erinnerungen zählt. Gibt es den Englischen Garten noch? Dort habe ich vor 26 Jahren Proust gelesen! Alle unsere Freunde waren noch auf der Welt, während jetzt...

Die herzlichsten Grüße an Dich und Deine Frau

 

 

Paris, den 17. Januar 1967

Mein lieber Vuia,

La multi ani! Tatsache ist, daß die Jahre vergehen und wir uns auf der anderen Seite des Seins befinden. (Dieses Sein ist praktisch: man kann es bei jedem Anlaß, sei er groß oder klein, benutzen. Was amicul Heidegger mit seltenem Geschick getan hat.)

Précis ist auf Deutsch unter dem Titel Lehre vom Zerfall bei Rowohlt erschienen. Die Übersetzung ist nicht gerade tadellos. So wird auf der ersten Seite Pyrrhon zu Pyrrhus, wodurch alles verfälscht wird. - Histoire et Utopie ist vor zwei Jahren bei Klett (Stuttgart) unter dem Titel Geschichte und Utopie erschienen.

Ich werde Dir La Tentation d'exister, Le Précis und, vielleicht, Syllogismes de l'amertume schicken.

Meines Wissens gibt es keine wirklich ernsthafte umfassende Untersuchung über die Moralisten. Man muß bei den Kritikern nachlesen (Sainte-Beuve zum Beispiel). Über La Rochefoucauld, unser aller Meister, hat J. Starobinski einen langen Artikel in der Nouvelle Revue Francaise (Juli-August-Nummer) 1966 veröffentlicht. Hervorragend.

Fast alle Moralisten sind im Taschenbuch erschienen. Für die älteren Ausgaben ist immer noch Garnier maßgebend. Vor dem Krieg sind die französischen Moralisten, wenn ich nicht irre, mit paralleler deutscher Übersetzung veröffentlicht worden. Das war eine Auswahll, die, glaube ich, in Deutschland erschienen ist (bei Insel, aber ich bin nicht sicher).

Ich weiß gar nichts über eine eventuelle Ernennung Ionescos zum Berater am Münchner Theater. Er hätte mir davon erzählt. Aber möglich ist alles.

Alle guten Wünsche Dir und Deiner Frau

 

 

Paris, den 25. März 1969

Mein lieber Vuia,

ich war, glaube ich, einer der ersten, der Heidegger in Rumänien gelesen hat, zuerst im Brukenthalmuseum, dann in Bukarest. Er hat für den jungen Mann, der ich damals war, zweifellos etwas bedeutet, aber je weiter ich mich dann von der Philosophie entfernte, desto ferner rückte, wie ich dann feststellte, auch er mir. Und ich muß sagen, daß ich mich dazu fast beglückwünsche. Zu recht oder zu unrecht verabscheue ich die Leute über die man redet. Und man spricht in allen Ländern, auf allen Breitengraden nur über Heidegger. Man kann keine Zeitschrift aufschlagen, gleichgültig, woher sie kommt, ohne nicht - mindestens! - auf einen Artikel über ihn zu stoßen. Gerade gestern habe ich das neueste Heft einer südamerikanischen Zeitschrift erhalten: die ganze Nummer ist ihm gewidmet. Über das, was sich in Paris abspielt, rede ich erst gar nicht, wo auch der unbelesenste Dichter oder Romanautor glaubt, sich mit Schande zu bedecken, wenn er den Meister nicht zitiert. Wozu da die Reihe der Beweihräucherer noch verlängern? Er hat das bestimmt nicht nötig, ich glaube sogar, daß ein wenig Vergessen ihm sehr gut täte.Ihm geht es derzeit so, wie einst Rilke: wie dieser wird er unter dem Gewicht seines Ruhmes zusammenbrechen. Was ich Dir zum Vorwurf mache, ist Dein Mangel an Donquichottismus: Du willst einem Gerechtigkeit widerfahren lassen, vor dem sich alle verneigen! Wäre es da nicht besser gewesen, eine Sondernummer über Meister Eckhart oder über Soloview zu machen.

Ich hoffe sehr, daß Du mir nicht übelnimmst, Dir den Kern meiner Einstellung zu einem Unternehmen dargelegt zu haben, dessen Dringlichkeit ich nicht sehe. Wir kennen uns schon so lange, daß ich meine, wir können uns grundlegende Meinungsverschiedenheiten erlauben, da unsere Freundschaft selbstverständlich über solche Zwischenfälle hinausgeht.

 

 

Paris, den 28. September 1973

Mein lieber Vuia,

Deine Untersuchung über die Kondition der Kirchen bei uns könnte von einem Engländer geschrieben sein. So objektiv und in gleichgültigem Ton ist sie geschrieben. Das gegen die Unierten begangene Verbrechen ist aber so groß, daß man darüber, meine ich, nicht ohne Heftigkeit sprechen sollte. Ich weiß wohl, daß Du Dich an die Angelsachsen wendest und daß es mehr darum geht, sie zu überzeugen als sie aufzuwühlen.

Nicht weniger ernsthaft ist die andere Untersuchung über Europa. Wie sehr ich bedaure, Deine Hoffnungen nicht teilen zu können! Ich glaube, daß Rußland es sich nicht nehmen lassen wird, jenen Teil der Welt zu beherrschen. Praktisch beherrscht sie ihn bereits. Meines Wissens hat, zumindest bis jetzt, noch keine Föderation dem Expansionswillen eines Imperiums standhalten können. Wenn es China nicht gäbe, wäre unser Schicksal bereits besiegelt. Und es muß gesagt werden, daß dieser Westen seine Zukunft verdient. Was soll man von diesen Ländern halten, wo keiner mehr mit seinen Händen arbeiten will? Dabei verteidigt man sich doch mit seinen Händen. Die Gastarbeiter* werden gewiß nicht dafür kämpfen, ihre Arbeitgeber zu beschützen. Kann man sich vorstellen, daß sich Türken töten lassen, um schwache überzivilisierte Christen zu retten? Was für ein Zeichen, daß sich Berlin zu einer ottomanischen Stadt entwickelt! Geschichte und Apokalypse sind synonyme Begriffe.

Danke und tausend Grüße

 

 

Paris,den 8. Juni 1977

Mein lieber Vuia,

Heidegger ist auf Rumänisch geheimnisvoller als auf Deutsch. Diese zivilisierten Sprachen sind abgenutzt und können nichts mehr ausdrücken. Die Worte haben zu oft gedient, während die unseren...

Gut, daß Du Dich dort unten niedergelassen hast. Hier lassen sich nur noch die Naiven von der Zukunft faszinieren. Leider sind sie Legion.

Grüße

 

 

Paris, den 27. Januar 1979

danke für Deine Karte aus Sils-Maria, wo Nietzsche im Sommer ich weiß nicht welchen Jahres mit Hélène Vacaresco (!) spazierenging... Die Sache stimmt leider, sie erzählt Details in ihren Erinnerungen. Zum Glück war er nicht auf die Idee gekommen, sie zu heiraten, denn man kann sich doch kaum vorstellen, daß er in der Gegend von Pitesti Zarathustra geschrieben hätte.

Grüße

 

 

(Ohne Ort und Datum)

Mein lieber Vuia,

welch eine gute Nachricht ist Deine Ernennung. Meinen herzlichsten Glückwunsch. Könntest Du mich nicht als Assistenten gebrauchen. Ich könnte über jedes nicht-philosophische Thema plaudern. Vielleicht müssen wir warten, bis Du Ordinarius* wirst. München reizt mich ehrlich gesagt nicht mehr. Drei Städte haben in meinem Leben gezählt: Paris, Dresden, Sibiu. Paris bin ich leid, Dresden existiert nicht mehr. Bleibt nur noch Sibiu!

Meine Gratulation für die Frau Professor*.

La multi ani.

Si sa fie într'un ceas bun, numirea ta.

 

(Ohne Ort und Datum)

ich habe kürzlich einem spanischen Journalisten erklärt, daß ich magyarischer Herkunft sei. Ich habe immer größere Lust, die Abstammung zu wechseln. Ohne Anfälle von Grössenwahn* ist das Leben unerträglich.

 

 

 

La multi ani

Paris, den 31. Juli 198??

 

Mein lieber Vuia,

alle Unfälle sind dumm, vor allem in unserem Alter. Neulich bin ich rückwärts auf die Bordsteinkante gefallen, ich habe mir den Daumen gebrochen, aber es hätte schlimmer ausgehen können. In "Sein und Zeit"* ist von der "Zeitigung der Zeitlichkeit der Zeit"* die Rede, aber nicht von diesen sinnlosen* Unglücksfällen, die uns treffen. Die Literatur ist wahrer als die Philosophie, und ich verstehe vollkommen, daß es Dich mehr reizt, ein Stück zu schreiben, als einen Traktat. Ich würde Dir raten, an Baciu zu schreiben und Dein Manuskript zurückzuverlangen. Vielleicht hat er es noch nicht gelesen. - Anfang Juni war ich in Tübingen, wo ich zwei Stunden lang den Kasper gespielt habe ... auf Deutsch! Fürs erste habe ich keine Lust, woanders nochmals Komödie zu spielen.

Seht zu, daß Ihr Euch alle beide so schnell wie möglich erholt.

Tausend Grüße

 

 

(An Frau Ortrud Vuia. Im Original deutsch)

 

Paris, den 15. Dezember 1989

 

Liebe Frau Vuia,

Ich habe seit lange nichts mehr von Octavian gehört, und ich habe mir gedacht, dass er die Vorteile des Ruhestandes geniesst. Jetzt sehe ich, daß sein langes Schweigen eine schreckliche Prüfung war.

Mit wenigen Freunden habe ich so viel gelacht, wie mit ihm während seines Aufenthaltes in Paris. Beide Siebenbürger, verstanden wir uns sehr gut. Er war illusionslos, aber nie bitter. Selten habe ich ein so distinguiertes Wesen getroffen.

In Anfällen von Verzweiflung, vergessen Sie nicht, daß Sie die Chance gehabt haben, mit einem edlen Mnschen gelebt zu haben.

Ich denke herzlich an Sie

 

 

(Aus dem Französischen und Rumänischen von Linde Birk und Dieter Schlesak)